Plakatieren. Wahlkampf an der Basis.

Ja, zu diesem Parteiengagement gehören ja nicht nur schicke Funktionen, fancy Anträge und aufregende Gremiensitzungen, oh nein! Gerade im Wahlkampf wird man gerne mal von seinem Ortsverein-Vorstand angefragt, ob man nicht auch gerne mal plakatieren oder am Infostand Flyer verteilen will, um den eigenen Chef wieder in den Bundestag zu bringen. Man wird durchaus lieb angefragt, aber wenn der Vorstand im eigenen und im Nachbarbüro sitzt, weist er eine gewisse zermürbende Penetranz auf, kombiniert mit düsteren Zukunftsprognosen für die eigene Büro-Beliebtheit, wenn man zu oft nein sagt. Abgesehen davon sehe ich es ja ein: wenn nicht mal die Hauptamtlichen ihren Körper hinhalten, warum sollten es dann die anderen tun? Und es ist ja nur gut für mich, wenn mein Job länger als bis zum 24. September existiert.

Ich war also ein paar Mal am Infostand, das ist ganz okay, denn ich wohne nicht dort, wo ich organisiert bin. In dem Falle finde ich das super. Und seit heute darf ich mich als erfahrene Plakatiererin bezeichnen, das war sogar noch besser. Man ist halt hinterher voller Kleister. Und man fühlt sich durchaus merkwürdig, wenn man den Vormittag damit verbringt, seinem Chef mit einer kuschelig-weichen Bürste voller schmierigen Zeug übers Gesicht zu puscheln. Aber ich kann das.

Demokratisches Engagement. So was sagt einem vorher auch keiner.

#ichbinhier: Engagement, ganz klein

Ich bin ja inzwischen so eine Partei-Tante und finde generell, jedwedes gesellschaftliches Engagement muss in verzwickten Strukturen mit ewigen Diskussionen in trockenen Gremiensitzungen erkauft werden. Demokratie, finde ich, hat einen Preis. Das ist er: Herumschlagen mit anderen Menschen, die andere Sachen denken als ich selber, und sich mit denen irgendwie einigen. Ja, ist mühsam, aber Demokratie ist eine Staatsform, die auf Kompromissen basiert, die ständig neu verhandelt werden müssen. Bei diesen Verhandlungen möchte ich dabei sein.

Mit manchen Menschen aber möchte man sich ja gar nicht einigen oder auch nur in Verhandlung treten. Bei mir beispielsweise sind das Rassistinnen, Sexistinnen, Polemiker und Patriotinnen, also grob gesagt: rechtspopulistische Revisionisten. Ich kenne solche Leute sowieso nicht persönlich, ich kann das also gut ausblenden, solange ich mich aus Kommentarspalten fernhalte. Wenn ich dann aber die Kommentarspalten doch mal lese, wird mir immer etwas schwindelig. Hier wird von den oben genannten viel getan, um die Deutungshoheit zu erlangen, sie sind rege und laut und kommentieren fleißig und meist als Erste. Damit senken sie die Hemmschwelle, und ihre Genossen im Geiste kommentieren begeistert Zustimmung. Irgendwann konnte ich da nicht mehr ganz tatenlos zusehen.

Tatsächlich gibt es eine gute Lösung für Fälle wie mich, die sich so ein bisschen in die Diskussionen einmischen wollen, ohne so richtig doll einsteigen zu müssen. Ich bin seit einigen Wochen in der f*acebook-Gruppe #ichbinhier angemeldet. Denn hier sind sie alle. Nicht in meiner Timeline, aber durch die Gruppe finde ich die hetzerischen Kommentare und die Menschen, die gegenhalten, auch wenn sie einem von den eigenen Algorithmen nicht vorgeschlagen werden. Und, das ist auch nett: man muss noch nicht mal selber in die Tasten hauen, wenn man nicht möchte, um Flagge zu zeigen.

Wie das funktioniert? In dieser Gruppe wird auf Diskussionen verwiesen, in denen rassistische und andere -istische Meinungen vertreten werden, meist auf Nachrichtenportal-f*cebook-Auftritten. Man kann nun mit dem Hashtag #ichbinhier selbst in die Diskussion einsteigen, gegenhalten und kommentieren. Oder, das mache ich: man liked die Beiträge mit ebendiesem Hashtag und zeigt damit, dass man anderer Meinung ist als die Fremdenhasserinnen. Die meistgeliketen Kommentare werden darüber hinaus weiter oben in der Kommentarspalte angezeigt, so dass die Stimmung einer Diskussion im besten Falle verändert wird. Also gucke ich etwa einmal pro Tag in die Gruppe, gehe auf ein paar Links und like.

Das war es also schon. Ob es effektiv ist? Ich weiß es nicht. Tief in meinem Herzen zweifele ich den Sinn von Engagement an, das ich zwischendurch innerhalb von 3 Sekunden erledigen kann und bei dem es keine Tagesordnung gibt. Aber zumindest habe ich das Gefühl, etwas außerhalb meiner Filterblase getan zu haben.

Männer, Teilzeit und Vereinbarkeit – ein Umfeld-Erfahrungsbericht

Ich lebe in einem Umfeld, in dem relativ viele Männer Teilzeit arbeiten. Große Teilzeit, na klar, niemals unter 20 Stunden, aber: anteilig viel mehr als die statistisch erfassten neun Prozent, die das Statistische Bundesamt für 2015 verkündet hat. Beispiele:

  • der Doktorant. 20 Stunden pro Woche an der Universität.
  • der IT-Supportler. 32 Stunden.
  • der Selbstständige. Niemals mehr als 30 Stunden pro Woche Erwerbsarbeit.
  • die wissenschaftlichen Mitarbeiter in der Politik. Zwischen 30 und 35 Stunden ist alles möglich.
  • der Online-Redakteur. 32 Stunden.

Einige dieser Männer haben Kinder oder leben mit welchen zusammen, andere nicht. Sie haben eine große Gemeinsamkeit: sie arbeiten existenzsichernd, sie erhalten einen ordentlichen Lohn und können sich Mieten in Hamburg leisten. Ja, in Teilzeit!

Das wirkt auf einige Frauen, die sich einen modernen Mann wünschen, der sich aktiv an der Familienarbeit beteiligt, recht attraktiv. Offensichtlich handelt es sich um Männer, denen Erwerbsarbeit nicht übermäßig wichtig ist, die recht selten in Abendsitzungen und auf Dienstreisen verschwinden und die sich trotzdem selbst versorgen können. Wahrscheinlich sind sie nicht übermäßig ehrgeizig und können es verknusen, dass die Frau mehr verdient – sie haben sich ihr Teilzeit-Schicksal schließlich selbst gewählt. Interessant! frohlockt also die moderne Frau, und matcht fleißig. Aber, nun wird es tricky: Die Männer dieser Gruppe lassen sich wiederum grob in zwei verschiedene Gruppen aufteilen, und es ist sehr, sehr wichtig als Frau mit Kinderwunsch oder mit Kind auf Partnersuche, diese Unterscheidung zu erkennen.

Gruppe 1: Diese Männer sind arbeitstechnisch etwas bocklos. Sie haben so rumgekrebst, eventuell ihre Ausbildung nicht abgeschlossen, sind irgendwo quer eingestiegen und haben mit einer so genannten Karriere offensichtlich nicht viel am Hut. Sie arbeiten, um zu leben. Auf mittlerem Niveau, höchstens, das muss reichen, sonst wird das mit der Arbeit zu anstrengend. Wenn es gar nicht anders geht, arbeiten sie auch Vollzeit, aber sobald möglich, reduzieren sie, ganz unspektakulär, machen sie einfach. Ehrgeiz ist nicht ihr Ding.

Die andere Gruppe, hier: Gruppe 2, hat ein enorm aufwendiges Hobby in der Hinterhand, mit dem sie das gesellschaftlich erwünschte männlich konnotierte Leistungsstreben erfüllen können, obwohl sie nur Teilzeit arbeiten. Das Hobby hilft entweder beim beruflichen oder sonstigem Selbstbild (z.B. politisches Engagement) oder ist irre sexy (Sport auf Leistungsniveau). Sie reduzieren selbstbewusst, denn sie reduzieren aus einem wichtigen Grund: ihrem Hobby, das der Gesellschaft dient oder ihrem schnittigen, leistungsstarken Körper. Das versteht jeder Chef, denn jeder Chef ist im Grunde seines Herzens genauso. Er hat nur keine Zeit dafür, denn er ist ja Chef.

Sobald Kinder und Familienarbeit ins Spiel kommen, wird es interessant. Als Frau mit Kind(erwunsch) erscheinen einer nämlich beide Gruppen auf den ersten Blick sehr ähnlich. Teilzeit! Voll modern! Da könnte man selber ja auch schnell wieder in den Job einsteigen, mit so einem modernen Mann. Jetzt muss man sich nur noch entscheiden: den bocklosen Herumkrebser oder den sexy sportlich-engagierten? Hmmmmm…. denkt sich die moderne Frau. Och, da nehme ich den zweiten. Danke!

Doch der Schein trügt. Denn leider, leider sieht sich Gruppe 2 zwar durchaus in der Lage, ihre Erwerbsarbeit zu reduzieren, wenn es um ihr sehr ertragreiches und also wichtiges Hobby geht, aber für die Kinder… nope. Was soll der Chef denn da denken, der macht das doch auch nicht! Und das Hobby einschränken ist natürlich fast noch schwieriger, da muss man Einsatz zeigen, sonst ist ja alles umsonst gewesen, das muss die Frau verstehen, das findet sie schließlich auch attraktiv. Die moderne Frau findet sich also wieder mit einem Baby und einem Menschen, der wochenends und abends überdurchschnittlich beschäftigt ist und die Elternzeit für eine sehr intensive Phase in seinem Hobby nutzt, während die Frau ihn dabei fotografieren darf und das Baby schaukeln muss. Nach der Eingewöhnung reduziert sie zähneknirschend ihre Arbeitsstunden und wundert sich, wie es dazu kommen konnte.

Gruppe 1 dagegen erweist sich als perfekte Väter. Gruppe 1 hat keine Probleme damit, wenn die Frau mehr arbeitet als sie selbst – ja mei, wenn sie Lust dazu hat, sich den ganzen Tag mit so einem Quatsch herumzuschlagen… Diese Männer beantragen dankbar möglichst viel Elternzeit, weil sie dann weniger arbeiten müssen. Sie holen das Kind aus der Kita ab, weil ihnen das sinnstiftender oder zumindest weniger nervend erscheint als Erwerbsarbeit. (Komplett irre, diese Typen, wenn ihr mich fragt.) Sie sind oft sehr langmütig, weil extrem entspannt, also perfekte Kindererzieher. Nach einer Trennung fordern sie energisch das Wechselmodell ein.

So, und jetzt das große Kunststück, liebe moderne Frauen: bocklose, etwas phlegmatische Männer sexy finden! Es ist etwas schwieriger, das weiß ich wohl. Denn als männlich und interessant gelten nun mal ambitionierte Männer. Mit denen kann man aber nun mal keine gleichberechtigte Partnerschaft führen, sobald Kinder ins Spiel kommen: ambitionierte Männer haben keine Zeit für so etwas. Deshalb meine Vermutung: sobald bocklose und phlegmatische Männer als Sexualpartner bevorzugt werden und Nicht-Ehrgeiz als Fortpflanzungsvorteil gilt, in genau diesem Moment wird es wahr werden: die gleichberechtigte, familienzentrierte Gesellschaft. Dann braucht es nur noch ein bedingungsloses Grundeinkommen, und alles wird gut.

 

Basisarbeit, dreckige Partei-Basisarbeit

Na ja, so mitteldreckig. Aber mit all den Problemen und Ärgernissen, die die Arbeit in demokratischen Organisationen eben so mit sich bringt. Ich versteh schon, warum die meisten Menschen darauf keine Lust haben. Aber immerhin: gestern war ich mal wieder auf einer Mitgliederversammlung, und was soll ich sagen, es war rappelvoll. Die viel, so langsam etwas zu viel, beschworenen Neumitglieder kamen in Massen. Zumindest für Gliederungsverhältnisse waren es Massen: knapp 40 Menschen saßen ab 20 Uhr im sehr nüchternen Kreishaus herum und wollten ihren Bundestagsabgeordneten zum Wahlkampf erzählen hören sowie Anträge zur Weiterleitung an den nächsten Bundesparteitag beschließen.

Ich habe auch einen Antrag geschrieben, meinen ersten, für die Frauenorganisation der Partei auf Kreisebene, und als einziger Antrag wurde er mit 100 Prozent Zustimmung verabschiedet. Da war ich schon etwas stolz. Allerdings war mir klar, dass der ein Selbstläufer werden würde, denn ich forderte die Ausweitung der festen Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten auf die Unternehmen, die sich bisher nur Flexiquoten auferlegen mussten. Dort wirkt die Quote nicht: manche Unternehmen legen sich dann eine Frauenquote von 0% fest und – surprise! – erfüllen diese problemlos. Unsere Frauenministerin Manuela Schwesig hatte schon zum Frauentag resümiert, man müsse die Quote dann eben ausweiten. Ich unterstütze ihre Forderung also mit dem Antrag, und der Kreis nun ebenso. In der Partei sind sich von oben bis unten alle einig.

Ich bin jetzt übrigens offziell zum Vorstand der Gedöns-Abteilung auf Kreisebene kooptiert wurden, bedeutet: der Vorstand hat mich als Beisitzerin zubenannt. Ich bin nicht stimmberechtigt, aber ich bin nun Funktionärin. Allerdings ist es ein mühsames Geschäft. Die Vorsitzende hat ein wenig das Problem der Planungs-Sprunghaftigkeit, so dass einfach gar nichts zustande kommt. Und die Terminfindung wird in letzter Zeit so organisiert: in der whatsapp-Gruppe wird gefragt, wer wann kann, dann wird ein Termin gefunden, dann sagen alle nacheinander wieder ab außer zwei Leuten, dann wird der ganze Termin abgesagt, und alles wieder von vorne. Macht mich wahnsinnig. Zu Beginn hieß es: jeder dritte Mittwoch im Monat, 19 Uhr. Hatte ich mir brav im Kalender eingetragen und war bereit, dann kam die Ferienzeit, die Vorsitzende erweiterte ihre Planungs-Sprunghaftigkeit auf die Sitzungstermine und alles ging den Bach runter.

Aber gut. Gremienarbeit eben.