Der Kalender

Der Wahlkampf war hart. Ich habe privat wochenlang nur sehr strikt nach Kalender gelebt, für Spontaneität reichte die Energie nicht.

Ebenso in meinem Kalender habe ich für die Zeit nach der Wahl eine umfangreiche to-do-Liste für Liegengebliebenes angelegt, sowohl Schönes als auch Lästiges. Zu dem Schönen gehören u.a. ein Thermenbesuch und Essen-geh-Vorhaben. Was eher zu den lästigen Dingen gehört: die Reparatur unserer Gastherme bei unserem Installateur Herr Burger.

Zuletzt blätterte ich versonnen in meinem Kalender und fand einen Eintrag in zwei Wochen: 09.30 Uhr, Therme Burger. Ich war verwirrt. Warum wollte ich denn Burger in der Therme so kurz nach dem Frühstück essen? Und was ist daran so wichtig, dass ich es offensichtlich vor recht langer Zeit in den Kalender eingetragen hatte? Gibt es überhaupt Burger in der Therme? War ich verabredet zu diesem Event? Oder war das als me-time gedacht, als achtsamer Akt? Das alles erschien nicht gänzlich sinnlos, aber vage rätselhaft.

Ich durchforstete mein wahlkampfgeplagtes Hirn hart und lange, bis mir der Thermenreparaturtermin mit Herr Burger in den Sinn kam.

Das war knapp. Ich hätte ihn wirklich vor der Tür stehen gelassen, während ich in der Therme, immer noch mich wundernd, aber nicht unzufrieden, um 9.30 Uhr in einen Burger gebissen hätte. Es stand ja in meinem Kalender…!

Gut, dass jetzt wieder andere Zeiten kommen.

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Meine Wahl, eure Wahl

Ich hatte in letzter Zeit nicht viel Zeit für die Krabbe. Das merkt sie auch, und sie beschwert sich auch ab und an, aber zum Glück gibt es ja noch drei andere Erwachsene plus ihre Großeltern, die auffangen. Ich habe ihr erklärt, woran das liegt: zwei Leute wollen KanzlerIn werden, eine Frau und ein Mann. Ich arbeite für einen dieser Menschen und kümmere mich darum, dass alles klappt bis zum Wahltag, danach habe ich wieder mehr Zeit. „Welchen findest du besser, Mama, den Mann oder die Frau?“ – „Den Mann.“ – „Wieso?“ – „Weil ich es besser finde, was er möchte. Dass die armen Leute mehr Geld bekommen. Dass alle ohne Probleme arbeiten können. Dass Frauen und Männer gleich sind.“ – „Finden alle den Mann besser?“ – „Nein. Die meisten Menschen werden wohl die Frau wählen.“ – Vielleicht wollen die meisten Leute nicht, dass arme Menschen mehr Geld kriegen.“ Gar nicht so doof, die Krabbe.

Aber Butter bei die Fische: ich werde das erste Mal in meinem Leben auch mit der Zweitstimme die alte Tante, die ehemalige stolze Volkspartei wählen. Ich weiß und war in den letzten vier Jahren live dabei, wie Gleichstellungs- und Familienpolitik im Ministerium und im Parlament umgesetzt worden sind und die konsequente Verwirklichung des wirklich anständigen Programms am Koalitionspartner gescheitert ist. Gut, eventuell auch ein wenig am Rückhalt in der Männerpartei und –fraktion, aber dennoch. Auch dieses Mal finde ich die frauenpolitischen und familienpolitischen Forderungen gut gelungen, wenn auch nicht revolutionär. Ausweitung der Quote, Familiengeld für Eltern, die ihre Arbeitszeit reduzieren, Abbau des Ehegattensplittings und Einführung eines Familientarifs, Abschaffung der Kita-Gebühr, Aufwertung der sozialen Berufe, Überlegungen zur Rente, die Bürgerversicherung – all das ist mur wichtig.

Die Grünen und die Linken gehen da noch weiter, das gefällt mir alles auch sehr gut. Eine rot-grüne Koalition fände ich super, aber ich kann leider nicht grün wählen, weil dann die Chancen auf schwarz-grün steigen. Oder gar Jamaika – nein, danke. Eine rot-rot-grüne Koalition fände ich noch besser, aber ich kann nicht links wählen, weil diese Partei im Bund nicht an die Regierung will.

Eine große Koalition möchte ich auch nicht. Ich bin sehr froh, dass es im Falle von Koalitionsverhandlungen auf der roten Seite wieder eine Mitgliederbefragung geben wird, weil ich sicher bin, dass dieses Mal die Basis nicht für eine große Koalition stimmen wird.

Zusammengefasst: geht bitte alle wählen!

Von wegen „Demokratie in Bewegung“, „Die Partei“, die „Magdeburger Gartenpartei“….

…wählen sei sinnvoll, um die AfD klein zu halten. Dem ist nicht so. Um die AfD im Parlament möglichst klein zu halten, muss man eine Partei wählen, die in den Bundestag einzieht.

Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass die oben genannten Kleinparteien die 5%-Hürde nehmen und in den Bundestag einziehen. Das bedeutet, dass sie in der Sitzverteilung des Bundestages keine Rolle spielen und dass ggf. mehr Sitze an die AfD gehen. Genau erklärt hat das Margarethe Stokowski auf SpON hier: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/streit-um-die-partei-dann-lieber-netflix-abschaffen-kolumne-a-1168717.html. Schaut gerne nach im Absatz „Schlechter Grund 4“.
Solltet ihr also hauptsächlich deshalb wählen wollen, damit die AfD möglichst klein bleibt, kommt es darauf an, dass die anderen Parteien IM BUNDESTAG möglichst stark sind. Und das wiederum bedeutet, dass man etabliert wählen muss – auch wenn es weh tut. Aber ein kleiner Tipp: DIE LINKE wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, auf Bundesebene an die Regierung zu kommen. Also zumindest kann man da sicher sein, Opposition zu wählen, wenn das jemanden wichtig sein sollte.

Noch 6 Tage und was die Aktien so machen

Ich habe heute meine einzige soziale Interaktion seit vier Wochen, die nichts mit Familie, Partei oder Schrebergarten zu tun hat: ich lasse mich von Madame C. ins Kino einladen, und vorher gehen wir schmausen. Es ist ein Träumchen! Vor allem, weil wir Blade Runner sehen, den alten mit Harrison Ford, den ich sehr liebe, im englischen Original. Meine einzige Sorge: ich werde einnicken. Meine Schlafenszeit liegt momentan im Schnitt bei 21 Uhr, und da fängt heute der Film erst an.

Ich habe nämlich eigentlich keine Kapazitäten für Freizeit und wach sein und solche Luxussachen. Ich bin Mutter und mache ehrenamtlich Wahlkampf in allen möglichen Formaten: Tür zu Tür, Flyer verteilen, Infostände, Vorträge. Daneben arbeite ich für Geld, mit den anderen Wahlkämpfern in einem Raum. Die Hysterie im Büro steigt und nimmt Formen an, die jeder Lautstärkebeschreibung spotten.

Meine einzige kleine Ablenkung: meine inzwischen 15 Stücke Aktien bzw Fondsanteile und deren Kurvenüberprüfung. Manchmal sitze ich, auf mein Handy starrend, beim Mittagessen und murmele: „Komm schon, Beiersdorf, stell dich nicht so an. Was ist denn an einem Hackerangriff SO schlimm. Gib alles.“, woraufhin der Kollege empört ruft: „Immer diese Leute, die auf kurzfristige Rendite aus sind und uns die Kurse verderben!“, und alle freuen sich eine Runde. Derselbe Kollege hat geschaut wie eine Kuh, wenn es donnert, als ich von meinen Aktiengeschäften erzählt habe und es sich herausstellte, dass ich genau 182,88€ in Beiersdorf investiert hatte. Nicht 10.000€, so wie er.

Ich bin halt wirklich Kleinstanlegerin. Aber ich finde es richtig spaßig und hätte immerhin heute, wenn ich alle meine 15 Aktien verkaufen würde, 19 Prozent Gewinn gemacht. Da ich noch im Freibetrag läge, müsste ich auch keine Abgeltungssteuer von 25 Prozent bezahlen. So kann es weitergehen.

Von außen

Wachsende Lebenserfahrung hat unter anderem den Vorteil, dass ich zunehmend darauf verzichte, mich von außen zu betrachten. Wenn ich in Situationen bin, in denen es tatsächlich auf Außenwirkung ankommt, habe ich mich meist im Griff und eine einfach umzusetzende Strategie etabliert – ich tue einfach immer so, als wäre alles in bester Ordnung, entspannt und im Griff, das glauben die anderen dann tatsächlich (weil sie es wollen, weil es nämlich deren Leben auch einfacher macht).

Und beim Rest ist es mir wumpe. Nur ganz manchmal verschiebt sich das etwas, wie ich jetzt an zwei hintereinander folgenden Tagen gemerkt habe.

  1. Der Klempner ist da und sagt etwas wie „Und ich bekomme Wohnungen zu sehen, echt mal…“ Ich nicke mitfühlend und denke plötzlich: meint er unsere? Wir putzen nicht so viel, einmal die Woche Bad und Küche sind Plicht, und das wars dann meist auch schon. Ich habe meist Besseres zu tun, D. auch, und 90 qm sind eh zu viel, um alles immer sauber zu haben. Das sieht man halt auch. Ich sehe die Krusch- und Staubecken im Alltag nicht mehr, aber als der Klempner das sagt, sehe ich die Wohnung mit anderen Augen und bin schockiert.
  2. Die Krabbe redet viel und fragt viel. Ich habe den Anspruch an mich, dass ich immer antworte und nie ein Gespräch verweigere. Reden mit der Krabbe macht mich außerdem ziemlich glücklich, darauf habe ich drei Jahre warten müssen, das ist also ein gut zu erfüllender Anspruch. Dennoch scheitere ich manchmal an der puren Menge von harten Wissensfragen, die ich nicht vollumfänglich korrekt beantworten kann, weil ich es einfach nicht weiß. Dann salbadere ich herum und äußere vage Halbwahrheiten, in der Hoffnung, dass die Krabbe in der Schule irgendwann die Wahrheit lernt. Oder ich sabbele einfach irgendwelche Platitüden vor mich hin, ohne mir selbst zuzuhören („Ja, das ist manchmal so.“ – „Alle Menschen mögen eben etwas anderes.“ Etc pp) – , und werde immer leiser dabei, bis die Krabbe „WAS???“ schreit. Mit diesen Gesprächsführungen hadere ich etwas, aber es ist einfach nicht möglich, die GANZE Zeit konzentriert zu sein, nicht wahr. Wenn aber einer von diesen Fällen in dem morgigen Bus eintritt, der proppevoll und totenstill ist und ich nach ein paar Minuten merke, alle hören uns zu – dann reiße ich mich zusammen und sage fundierte, kluge, einfühlsame Sachen und merke, wie schwer das ist und merke, dass ich mir die Mühe anscheinend meist um 8 Uhr morgens nicht mache.

Tja. Ich lerne daraus: Klempner kommen mir nicht mehr ins Haus. Ich mache einen Klempnerinnen-Kurs im Baumarkt. Oder nur D. nimmt solche Termine wahr. Und die Krabbe bringe ich nur noch mit dem Rad in die Kita.

Das Leben! Voller Fallen und Tücken!

Miss Fisher ist wieder da

… und ich netflixe berauscht vor mich hin. Zwei neue Staffeln leicht-lockere-laszive lebenslustige und kokett-kluge kampfbereite Hobby-Detektivin, mittelalt und ungebunden, kein Kerl ist vor ihr sicher (was zu vielen gut aussehenden Männern in jeder Folge führt, worüber ich nicht böse bin) im Australien der 20er Jahre. Sehr schön und hochwertig produziert, tolle Musik, mehr brauche ich nicht für die komatösen Abende nach Wahlkampftagen, wenn die Krabbe schläft.

Muss ich mir gut aufteilen, dass das für noch 16 Tage reicht.

Wilde Hoffnung

Die Familie der besten Kita-Freundin der Krabbe hat sich bei unserem Vermieter auf die Bewerbungs-Liste eintragen lassen. Eine sehr nette Familie mit einer sarkastischen Mutter. Ich mag sarkastische Mütter.

Dem Vermieter gehören fünf zusammenhängende Häuser, die durch einen geschlossenen Innenhof mit Spielplatz verbunden sind. Und nicht ganz zufällig weiß ich, dass gerade einige bisher leer stehende Wohnungen gerade saniert und bezugsfertig gemacht werden. Mein heimlicher Traum war immer, dass der Papa da mit seiner Familie einzieht, ich bin aber großzügig bereit, meine Wünsche anzupassen.

Liebe übergeordnete Macht, hör mein Flehen! Gib mir eine Spielkameradin für die Krabbe und eine Kaffeepartnerin für mich! Eine Hand-in-Hand-zur-Grundschule-Symbiose, Playdates ohne jegliche Notwendigkeit irgendeiner Logistik, Übernachtungsorgien, Schnacks auf dem Innenhof…

Büddebüddebüdde!