Solidarische Landwirtschaft: Zwischenstand und Erfahrungsbericht

Inzwischen sind wir als 2,25-Personen-Haushalt (ich, D. und die 5jährige Krabbe in der Hälfte der Woche) seit ungefähr 1,5 Jahren Mitglieder in einer Solidarischen Landwirtschaft. Kurze Zusammenfassung des Systems: Wir zahlen jeden Monat 192 Euro für einen Anteil der Produkte eines demeter-Hofes. Der Hof finanziert Betriebs- und Personalkosten durch diese Mitgliedsbeiträge und ist damit vom Markt abgekoppelt, kann also ohne finanziellen Druck wirtschaften.

Jede Woche können wir uns 1,2 kg Kartoffeln, 700 g Fleisch, Milchprodukte aus 7,5l Milch (nach einem bestimmten Umrechnungsschlüssel, den ich auf Nachfrage gerne erläutere) und ausschließlich regionales/saisonales Gemüse zwischen 1 und 2,5 Kilo, je nach Ernteertrag, aussuchen und im Hofladen in der Nähe meiner Arbeit abholen. Je nach Saison gibt es Salate, Kräuter, Dinkel und Roggen dazu, wobei wir letztere im Laden mahlen oder quetschen können, um Flocken oder Mehl zu produzieren.

Wie hat das sich das nun im Alltag bewährt?

Ganz gut, würde ich sagen. Im Folgenden fasse ich mal die neutralen, die hervorragenden und die nachteiligen Punkte dieses Systems zusammen.

Neutral:

  • Das Einkaufen bzw Einholen klappt gut. Ich fahre Dienstag nach der Arbeit mit Bus/Bahn oder Rad im Hofladen vorbei und sammele die gewünschten Dinge ein. D. macht dafür den Wochenendeinkauf, was für mich völlig in Ordnung ist – soll er sich in der Schlange von Edeka herumprügeln, ich mache es mir nett im Hofladen!
  • Der Kochdruck ist sehr hoch, denn das Zeuch muss ja wech. Das ist oft schön, weil ich gerne koche, aber mit einer krüschen Esserin, die eigentlich aus dem Hofladen nur Kartoffeln sowie Saure Sahne mit Dill im Gurkensalat isst (na ja, gut: auch Kartoffeln, Joghurt (in Shakes) und gebratenen Katenschinken), und einem Vegetarier im Haushalt, wird es oft kompliziert. Vor allem das Fleisch türmte sich irgendwann im Tiefkühlfach. Allerdings feiere ich seit Beginn der Grillsaison extrem hart beim Weggrillen! Dennoch: sollte ich mal Vollzeit arbeiten, wird das wahrscheinlich kochtechnisch nicht zu schaffen sein.
  • Es schmeckt anders. Die Fleisch- und Milchprodukte werden auf dem Hof erzeugt, das ist was anderes als industrielle Verarbeitung, und das schmeckt man. Mal schmeckt es besser, mal weniger gut – gerade bei Wurst ist es dann oft Geschmackssache. Und alle Milchprodukte sind aus Rohmilch, was die Haltbarkeit einschränkt.

Gut:

  • Regional, demeter, durch Hofladen-Verteilung keine Belastung der Umwelt durch Transportfahrten, gute Arbeits- und Produktionsbedingungen für Mensch und Tier auf dem Hof: mein Gewissen ist so richtig, richtig gut. Als Fleischesserin im Brennpunktstadtteil ist so ein reines Gewissen sonst kaum zu schaffen.
  • Viele Kochentscheidungen werden einer abgenommen. Wenn man gemüsetechnisch vor allem im Winter sehr eingeschränkte Auswahl hat und drei Monate Rote Bete bekommt, dann hat man am Ende des Winters sehr oft Ofengemüse gemacht. Das mag ein wenig fade erscheinen, aber mich erleichtert es eher. Ich habe inzwischen sehr viele Standardgerichte in petto, die ich blind koche, freue mich aber auch immer, wenn ich mal neue Rezepte finde, die Rote Bete beinhalten.
  • Es ist schon ein nettes Einkaufen im Hofladen. Da wir monatlich den Mitgliedsbeitrag abgebucht bekommen, können wir im Laden einfach entnehmen, ohne zu bezahlen, und dokumentieren nur die Entnahmemenge. Das macht schon was mit einer: quasi umsonst einkaufen! Und die MitarbeiterInnen sind immer sehr nett und sehr versiert und geben gerne Auskunft.
  • Die Auswahl an Käse und Fleisch/Wurst ist groß, und man kann sich die Produkte innerhalb der Produktgruppen nach Gusto zusammenstellen, was ich sehr komfortabel finde, vor allem im Vergleich zur Biokiste, wo man eben nehmen muss, was man bekommt. Wenn man mal mehr Milch oder Quark braucht, nimmt man stattdessen eben weniger Käse mit, wenn es Gulasch werden soll, lässt man das Rumpsteak für die anderen da, hat man einen Mohrrüben-Jieper, steckt man sich keine Kohlrabis ein etc pp.
  • (Edit, hatte ich vergessen:) Ich vermeide ordentlich Müll. Da ist durch mein individuelles Verhalten noch Luft nach oben: ich verpacke das (immer lose ausliegende) Gemüse meist frohgemut in die ausliegenden Papiertüten, schaffe es aber immer öfter, auch Stoffbeutel dafür mitzunehmen. Die flüssigen Milchprodukte sind in Gläser gefüllt, die man nach der Entleerung wieder in den Hofladen mitbringt. Milch in Flaschen sieht auch wirklich super aus im Kühlschrank, das muss man mal sagen! Der Käse wird an der Käsetheke in Käsepapier eingewickelt, aber auch hier habe ich letztes Mal nach Nachfrage eine Tupperdose dabei gehabt, und das hat wunderbar geklappt. Einzig das Fleisch ist in Plastik eingeschweißt, aber das geht wahrscheinlich nicht anders wegen der Hygienevorschriften.
  • Ich backe sehr gerne Brot aus dem Dinkelmehl! Sehr, sehr gerne! Und alle im Haushalt essen das sehr gerne!

nicht so gut für uns:

  • Die Krabbe mag einfach nicht viel vom Hofladen. Sie isst aber generell nur fünf ausgewählte Lebensmittel, daher können wir darauf nicht so viel Rücksicht nehmen.
  • Im Winter ist das gemüsetechnisch nicht so geil, ist halt so – siehe regional und saisonal. Rote Bete, Mohrrüben, Kartoffeln, Sellerie, Kohl und Zwiebeln sind manchmal schon etwas karg. Aber man schlägt sich so durch.
  • Wir kaufen schon noch recht viel zu, alleine vom Hofanteil könnten wir nicht leben. Gerade im Winter… Damit ziehen wir unsere Nachhaltigkeitsbilanz dann wieder in den Keller. Aber es ist schon okay, denn ganz ohne Paprika im Winter kann und will ich dann auch nicht, Asche auf mein Haupt.

Insgesamt ist das System hier also für gut befunden worden und passt momentan in unser Leben. Dass sich das noch einmal ändern kann – nicht ausgeschlossen.

Und jetzt warte ich mal in Ruhe auf die reiche Ernte im Sommer und im Herbst.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

10 Kommentare zu “Solidarische Landwirtschaft: Zwischenstand und Erfahrungsbericht

  1. Maike sagt:

    Besagter Hof ist ja nur einen Steinwurf von uns entfernt. Ich bin hin und hergerissen ob mir das 192 Euro im Monat wert ist. Ich habe hier 2 schlechte Esser und wirklich kochen tue ich auch nicht gerne. Gibt es einen Probemonat?

    • jongleurin sagt:

      Ja, den gibt es… Aber das klingt tatsächlich nicht nach so optimalen Voraussetzungen. Denn im Winter braucht man wirklich schon sehr viel Freude am Kochen, um auch im vierten Monat die Roten Bete mit Engagement zu bearbeiten…

      • Maike sagt:

        Ich wüsste noch nicht mal wie ich einen Tag Rote Beete verarbeiten soll 🤣
        Aber es gibt auch die Möglichkeit so auf dem Hof einzukaufen. Das ist auf jeden Fall eine Alternative.

  2. Sabine sagt:

    Moin moin, jetzt möchte ich mich doch mal für die Info bedanken. Seinerzeit bin ich durch ihren Blogbeitrag auf die Solidarische Landwirtschaft aufmerksam geworden und habe nach einer in meiner Gegend (Oldenburg) gegoogelt. Seit dem neuen Bieterjahr im April sind wir nun mit einem halben Anteil – auch Demeter – mit Fleisch, Brot, Milch und Milchprodukte, Gemüse, Eier als Mitglied dabei. Ein ganzer Anteil war uns zuviel und es gibt in unserer Solawi sehr viele halbe oder sogar viertel Anteile. Rote Bete lege/koche ich süß-sauer ein – die hält sich dann recht lang und man nascht die zwischendurch so weg oder schnippelt sie zum Salat oder verschenkt sie. Bei uns werden die Mengen allerdings vorgegeben, so dass man nur innerhalb der Abholer tauschen kann.

    Ich finde es auch spannend, neue Salat oder Gemüsesorten zu probieren (Postelein z. B. war extrem lecker und vorher unbekannt).

    Auch aufgrund solcher Infos lese ich ihr Blog sehr gerne. Alles Gute

    • jongleurin sagt:

      Das freut mich 🙂 Und die eingelegten Roten Bete sind eine gute Idee. Wir haben hier leider nicht so viel Stauraum, aber vielleicht sollten wir mal über ein Einleg-Regel im Keller nachdenken.

  3. Reinette sagt:

    Wie sieht es denn aus mit Verpackungsmuell? Im Hofladen faellt sicher weniger an? Das waere doch noch ein Punkt fuer die Positivliste.
    Gruss Reinette

  4. Hört sich spannend an, und sinnvoll sowieso 🙂 Hut ab!
    Ich bin als Studentin finanziell noch ziemlich eingeschränkt, aber später mal… man kann ja mal träumen 🙂
    Noch eine Frage (auch wenn sich das wahrscheinlich je nach Hof und System unterscheidet) : sind die Mengen genau vorgeschrieben, oder kann man auch z.B. nur Gemüse beziehen?

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