Der Aufreger zum Wochenende: Stillen ist Liebe.

Nora Imlau schreibt auf ZON über den Druck auf Mütter, die nicht stillen (wollen). Das ist soweit, vor allem unter nicht stillenden Müttern oder denen, die über Alternativen jemals nachgedacht haben, relativ bekannt: Stillen gilt als nonplusultra, und das wird dir von allen Seiten genauso vermittelt, und wer nicht stillt, bekommt Druck.

Der Artikel beschreibt das also,  nimmt auch Stellung in Hinsicht auf freie Entscheidung und in den Kommentaren geht es dann natürlich sofort ab wie Luzi. Zuerst kommentieren viele Männer, dass es diesen Druck nicht gibt. Also ihre Frau hat ja auch nicht gestillt, und niemand hat diese Männer böse angeguckt! Also: bewiesen! Und selbst wenn irgendeine Frau so einen Druck verspürt, soll sie sich mal nicht so anstellen, sondern einfach ihr Ding durchziehen, wie es sich für moderne Frauen gehört! Ja.

Dann folgen diese herrlichen Kommentare, wo Menschen schreiben, dass es diesen Druck natürlich nicht gibt, ihnen persönlich z.b. ist es komplett egal, ob Frauen stillen oder nicht. Aber es ist eigentlich schon das Beste fürs Kind, und da müssen die Frauen dann halt Verantwortung tragen und so weiter und so fort. Merken sie aber leider nicht selbst, was sie da so schreiben.

Weiter geht es mit Kommentaren, in denen ganz klar pro Stillen Bemerkungen gemacht werden, die in die Richtung gehen, dass Flaschenfütterung vergleichbar ist dem Schlagen eines Kindes, und das natürlich gestillte Kinder enorm große Vorteile in ihrer Entwicklung gegenüber nicht gestillten Kindern haben. Dass diese Studien, die da gerne herangeführt werden, durchaus methodische Mängel haben, etwa eine nicht vorhandene Vergleichsgruppe, wissen die Kommentatoren nicht oder sie verschweigen es. Das außerdem in diesen Studien immer erwähnt wird, dass hier ein Zusammenhang bestehen könnte, dieser aber nicht nachweisbar ist, wird auch nicht erwähnt. Dass Stillen ein Faktor ist, aber nur einer von sehr vielen, und dass andere Faktoren wichtiger sind als eben das Stillen. Das holen dann einige Kommentare später andere Forenuserinnen nach. Die haben aber keine Chance gegen die Masse.

Es ist also alles voraussehbar in den Kommentarspalten, aber aus reinem Masochismus ziehe ich mir die Diskussion dann doch noch rein. Ist schließlich Wochenende. Es sind hunderte Kommentare, der Bedarf zum Äußern scheint groß, und der Tenor ist genau der, den die Autorin des Artikels beschreibt: Still-Druck.

Und ich nehme die Debatte zum Anlass, hier meine eigene Erfahrung und Meinung zum Stillen kund zu tun. Ich würde nicht wieder voll stillen.

Für mich selber war das Stillen körperlich relativ unproblematisch. Die Krabbe nuckelte kompetent, etwa jeweils eine halbe Stunde lang, alle vier Stunden. Dennoch tat es mir nicht gut. Ich hatte eine schwere Zeit im Wochenbett und auch in den Monaten danach. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine Art Wochenbettdepression hatte, die über das Wochenbett deutlich hinausging. Und ich bin mir ebenso ziemlich sicher, dass das Stillen sehr dazu beigetragen hat. Ich wollte einfach oft weg von meinem Kind, von dieser ultimativen körperlichen Vereinnahmung, brauchte ein paar Stunden Pause, und konnte nicht, weil sie nach etwa einer Stunde Abwesenheit verlässlich zu schreien begann und ich wieder zur Benuckelung herangezogen wurde. Ich dachte also über Nicht-Voll-Stillen nach. Hebamme, Umfeld, Mann waren sich aber größtenteils einig: lieber nicht, es ist doch das Beste. Also stillte ich weiter. Und ich habe in der Folge sogar bei mir selbst gemerkt, wie ich etwas borniert auf Flaschenmuttis herabgeschaut hatte. Und zwar aus der Denke heraus: come on, du faules Stück. ICH opfere mich auf, mach du das gefälligst auch. Ja, so ist man manchmal, leider. Vor allem, wenn man die Entscheidung aufgrund von Strukturen getroffen hat und nicht selbstbestimmt. Ich war sehr erleichtert, als ich nach sechs Monaten wieder arbeiten ging und abstillen „durfte“.

Noch fast zwei Jahre lang habe ich jedesmal, wenn ich ein Neugeborenes gesehen habe, regelrechte Beklemmungen bekommen. Diese waren durchaus vergleichbar mit meiner leichten Klaustrophobie, die ich in großen Menschenmengen habe – ich bin aus dieser Zeit wirklich belastet herausgegangen. Daraus habe ich gelernt. Würde ich noch einmal schwanger werden – und das würde ich gerne – , würde ich keinesfalls wieder voll stillen. Zwiekost hieße dann das Gebot der Stunde. Immer schön abwechselnd stillen und Fläschchen, und zwar keinesfalls abgepumpte Muttermilch! Alleine die Vorstellung, mich die Hälfte des Tages mit einer Milchpumpe beschäftigen zu müssen, und die andere Hälfte des Tages dann eben mit dem Baby, dass sonst leider verhungern würde, lässt mich schreiend davonlaufen wollen. Wenn sich das Kind dadurch selbst abstillen würde, würde ich das leichten Herzens in Kauf nehmen. Deswegen würde ich der erneuten Herausforderung eines weiteren Babys ins Gesicht sehen, bräuchte da aber Unterstützung, die auch das Füttern mit einschließt.

Und für das Protokoll: ich liebe mein Kind sehr, ich habe niemals irgendetwas bereut, ich bin eine ziemlich gute Mutter und hier ist alles im normalen Rahmen sutsche. Das alles hat mit Stillen oder nicht stillen herzlich wenig zu tun.

Advertisements
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

13 Kommentare zu “Der Aufreger zum Wochenende: Stillen ist Liebe.

  1. Maike sagt:

    Bei mir wurde auch nur Kind 1 gestillt. Kind 2 ist ein Fladchenkind. Ich habe mich beim Stillen nie wirklich wohl gefühlt. Und ich bin sogar noch weiter gegangen. Kind 2 war ein geplanter Kaiserschnitt. Die Glückshormone haben nämlich den weg zu mir nach der 1.Geburt nicht gefunden und ich kann nicht behaupten dass eine Geburt das schönste Erlebnis der Welt ist.

  2. Susanne sagt:

    Ich finde es grundsätzlich sehr schade, dass auf Frauen immer Druck gemacht wird. Ob sie nun stillen oder nicht stillen, tragen oder nicht tragen, zu Hause bleiben oder arbeiten gehen. Das stört mich in der Debatte am allermeisten. ich habe meinen Sohn (vor 13 Jahren) sechs Monate lang gestillt, dann hatte ich keine Lust mehr. Er hat Milchflasche und Brei bekommen und lag beim Spazierengehen im Kinderwagen. Meine Tochter (vor sechs Jahren geboren) hab ich vierzehn Monate lang gerne gestillt, sie hat Fingerfood bekommen und wurde getragen. Ging beides. Aber irgendwer hatte immer zu allem eine Meinung, da wird man ein bisschen dünnhäutig und verteidigt dann das Stillen z.B. schärfer als man es objektiv betrachtet vielleicht meint. Es gibt sicher nicht den einen richtigen Weg. Ich finde es einfach nur doof, dass man die Mütter (und auch Väter) nicht einfach mal ihren eigenen Weg finden lässt.

  3. So, ich schau mal, ob ich bei WP wieder kommentieren kann 🙂

  4. Aaaaaahhh, scheint zu gehen – na dann!
    Also dass zwischen Kind 1 und Kind 2 Unterschiede bestanden, kann auch ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus bestätigen. Ich glaube aber auch, dass es was mit der eigenen inneren Reife zu tun hat. Bei Kind 1 war ich ja grad erst 20 und trotz seines anfänglichen 4-Stunden-Rhythmusses ziemlich übernächtigt und im wahrsten Sinne des Wortes ausgesaugt.
    Außderdem tats die ersten Male einfach nur ordentlich weh, aber bis hin zu Stillhütchen hab ichs dann auch nicht gebracht, das ging irgendwie nicht bei mir 😉
    Kind 2 ist schon anders auf die Welt gekommen. Im Gegensatz zu Kind 1 haben sie ihn mir sofort auf den Bauch gelegt, wo er sich erst mal „entknäuelt“ hat. Es tut mir echt selber weh, das so zu sagen, aber ich hab es tatsächlich so empfunden: Ich liebe meine beiden Söhne abgöttisch, aber zum 2. besteht dennoch eine irgendwie andere Bindung. Noch heute wünschte ich, man habe mir Kind 1 genauso auf den Bauch gelegt, aber damals haben sie ihn gleich mitgenommen und erst wiedergebracht, als ich versorgt und er gebadet, untersucht und angezogen worden war. Also irgendwann 1 Stunde später. Unfassbar, dass das was ausmacht?
    Unabhängig davon habe ich beide Kinder ganze 3 Monate voll gestillt, danach ging der Milchfluss rapide zurück und ich hab mehr und mehr zugefüttert. Schlimm fand ich es nicht. Weil – ich erinner mich noch gut, als wir nach der Geburt des 1. Kindes nachmittags in der Stadt spazieren waren. Es war inzwischen warm geworden, T-Shirt-Wetter, und ich hatte trotz entsprechender Einladen zwei kreisrunde Milchflecken auf dem Shirt, weil die Milch schneller nachkam als das Baby Hunger hatte. Braucht man ja auch nicht, auch wenn wir und die, die es mitbekommen hatten, entspannt und mit Humor genommen hatten 😉
    Und ja, ich finde es immer wieder schade, unnötig und manchmal auch merkwürdig, dass ein Mensch einem anderen seine Meinung aufzwingen will, egal, obs ums Stillen, Impfen oder sonstwas geht. Bin echt froh, dass es zu „meiner“ Zeit noch keine Foren gab bzw. ich mich um sowas nicht kümmerte – und habe auch später kein entsprechendes betreten. Bin ja keine Masochistin 😉

    • jongleurin sagt:

      Ich bin auch ziemlich sicher, dass ich bei einem zweiten Kind viel mehr bei mir und ihm sein würde. Die Liebe ist sicher bei jedem Kind anders, weil man selbst anders ist – so stelle ich es mir zumindest vor.

    • Susanne sagt:

      @Helma: Diese Erfahrungen hab ich fast genauso auch gemacht. Die Geburt meiner Tochter war so viel schöner und entspannter, wir hatten Bonding und Ruhe und auch die gesamte Babyzeit konnte ich bewusst wahrnehmen und genießen, trotz des vielen Stresses, den man mit zwei Kindern eben so hat. Da war ich aber auch 31 und nicht 24 wie bei meinem Sohn. Deswegen hab ich wohl auch das Stillen bewusster annehmen können. Das war vorher überhaupt nicht so geplant, ich dachte, ich würde wieder nur die empfohlenen sechs Monate „durchhalten“. Dann hat sich das so verselbstständigt und war genau richtig für uns. Tatsächlich hab ich zu meiner Kleinen auch eine engere Bindung als zum Großen (was ich traurig finde, aber sowas kann man ja nicht erzwingen).

      @Jongleurin: Das glaube ich auch. Man verändert sich so stark, gerade durch ein Kind, dass man beim nächsten mit Sicherheit einiges anders sehen und machen wird. Und genauso ist es dann auch gut. 🙂

  5. Maike sagt:

    @Susanne
    Ja das mit dem Arbeiten kann ich bestätigen. Ich / wir sind in der glücklichen Situation dass ich seit knapp 9 Jahren zu hause bin. Ich vermisse die Arbeit überhaupt nicht und Langeweile habe ich auch nicht. Trotzdem muss ich mich permanent für meine ‚Faulheit‘ rechtfertigen.
    Inzwischen bin ich soweit dass ich mein Hausfrauendasei lieber verheimliche um Diskussionen aus dem Weg zu gehen…
    Wir haben uns bewusst für diesen Weg entschieden und sind sehr glücklich damit. Aber wir müssen uns ständig rechtfertigen.

  6. ysaid sagt:

    Ich sag‘ nur: Stillkinder haben eine intuitive Verbindung. Sie merken sofort, wenn man sich einen Film angemacht hat und wollen genau dann Dauernuckeln.

  7. Vera sagt:

    Es ging mir genau so, wie du es beschrieben hast. Also ganz GENAU so! Meine Tochter ist jetzt 2 Jahre alt und beim Anblick von Säuglingen bekomme ich ernsthaft Panik (fühlt sich an wie ein gezielter Schlag in den Magen!) Also falls ich mich jemals zu Nr.2 durchringen kann, kommt nur stillen auch nicht mehr in Frage!

    • jongleurin sagt:

      Ich glaube, das geht mehr Müttern so, als man denkt. Bei mir ist es irgendwann vergangen, das Gefühl… Aber Begeisterung beim Anblick von Säuglingen will sich immer noch nicht einstellen. Ich hoffe, das irgendwann zweite Kind kann dieses Trauma etwas auflösen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s