#ichbinhier: Engagement, ganz klein

Ich bin ja inzwischen so eine Partei-Tante und finde generell, jedwedes gesellschaftliches Engagement muss in verzwickten Strukturen mit ewigen Diskussionen in trockenen Gremiensitzungen erkauft werden. Demokratie, finde ich, hat einen Preis. Das ist er: Herumschlagen mit anderen Menschen, die andere Sachen denken als ich selber, und sich mit denen irgendwie einigen. Ja, ist mühsam, aber Demokratie ist eine Staatsform, die auf Kompromissen basiert, die ständig neu verhandelt werden müssen. Bei diesen Verhandlungen möchte ich dabei sein.

Mit manchen Menschen aber möchte man sich ja gar nicht einigen oder auch nur in Verhandlung treten. Bei mir beispielsweise sind das Rassistinnen, Sexistinnen, Polemiker und Patriotinnen, also grob gesagt: rechtspopulistische Revisionisten. Ich kenne solche Leute sowieso nicht persönlich, ich kann das also gut ausblenden, solange ich mich aus Kommentarspalten fernhalte. Wenn ich dann aber die Kommentarspalten doch mal lese, wird mir immer etwas schwindelig. Hier wird von den oben genannten viel getan, um die Deutungshoheit zu erlangen, sie sind rege und laut und kommentieren fleißig und meist als Erste. Damit senken sie die Hemmschwelle, und ihre Genossen im Geiste kommentieren begeistert Zustimmung. Irgendwann konnte ich da nicht mehr ganz tatenlos zusehen.

Tatsächlich gibt es eine gute Lösung für Fälle wie mich, die sich so ein bisschen in die Diskussionen einmischen wollen, ohne so richtig doll einsteigen zu müssen. Ich bin seit einigen Wochen in der f*acebook-Gruppe #ichbinhier angemeldet. Denn hier sind sie alle. Nicht in meiner Timeline, aber durch die Gruppe finde ich die hetzerischen Kommentare und die Menschen, die gegenhalten, auch wenn sie einem von den eigenen Algorithmen nicht vorgeschlagen werden. Und, das ist auch nett: man muss noch nicht mal selber in die Tasten hauen, wenn man nicht möchte, um Flagge zu zeigen.

Wie das funktioniert? In dieser Gruppe wird auf Diskussionen verwiesen, in denen rassistische und andere -istische Meinungen vertreten werden, meist auf Nachrichtenportal-f*cebook-Auftritten. Man kann nun mit dem Hashtag #ichbinhier selbst in die Diskussion einsteigen, gegenhalten und kommentieren. Oder, das mache ich: man liked die Beiträge mit ebendiesem Hashtag und zeigt damit, dass man anderer Meinung ist als die Fremdenhasserinnen. Die meistgeliketen Kommentare werden darüber hinaus weiter oben in der Kommentarspalte angezeigt, so dass die Stimmung einer Diskussion im besten Falle verändert wird. Also gucke ich etwa einmal pro Tag in die Gruppe, gehe auf ein paar Links und like.

Das war es also schon. Ob es effektiv ist? Ich weiß es nicht. Tief in meinem Herzen zweifele ich den Sinn von Engagement an, das ich zwischendurch innerhalb von 3 Sekunden erledigen kann und bei dem es keine Tagesordnung gibt. Aber zumindest habe ich das Gefühl, etwas außerhalb meiner Filterblase getan zu haben.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde in Politik veröffentlicht und mit getaggt.

Ein Kommentar zu “#ichbinhier: Engagement, ganz klein

  1. paulalinchen sagt:

    Kleinvieh macht auch Mist. Auch wenn es in diesem Fall eher darum geht, Mist zu verhindern oder sich zumindest dagegen zu stellen. Ich habe mich da nun auch „beworben“ und werde das in Zukunft mit unterstützen, wenn ich kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s