Teilzeitmütter und schlechtes Gewissen

Ich fand just einen Artikel auf Spiegel Online über „Teilzeitmütter“. So bezeichne ich mich auch, im Wechselmodell ist das ein passender Ausdruck, ich fühlte mich angesprochen. Das verflog schon beim zweiten Satz des Teasers: „Was sie fast alle vereint – ein nagend schlechtes Gewissen.“ Der Rest des Artikels ist dann nicht ganz so ideologisch verbrämt, aber das hat mich schon mal aufgeregt.

Hier der Artikel: http://www.spiegel.de/panorama/elterncouch-scheidung-und-trennung-sind-teilzeitmuetter-rabenmuetter-a-1132413.html

Liebe Leute! Anscheinend bin ich eine riesige Ausnahme, aber lasst es euch gesagt sein: ich habe kein schlechtes Gewissen. Nie. Im Gegenteil, ich bin sehr stolz darauf, dass mein Ex und ich das mit dem Wechselmodell bisher gut hinbekommen, und ich kann irre gut loslassen. Auch mich nennt mein Kind nach den Wechseltagen manchmal „Papa, äh… Mama!“, und dann lachen wir zusammen darüber. Ich finde es wirklich witzig. Natürlich leide ich auch manchmal unter den Nebenwirkungen des Modells, mein Ex ärgert sich sicher auch oft, unser Kind hat gewisse Nachteile – aber mindestens ebenso viele Vorteile, wie etwa eine stabile, belastbare und alltägliche Beziehung zu beiden Elternteilen, drei Geburtstagspartys (wenn man die Kita-Party mitzählt) und viele FreundInnen an beiden Wohnorten. Mein Kind sagt, es hat vier Eltern… was ich sehr schön finde.

Ich fühle mich wie ein gutes Vorbild für meine Tochter: Ich kann genauso arbeiten, wie ich es möchte, ihren und meinen Lebensunterhalt verdienen, die Vereinbarkeit ist sehr einfach, ich bin wegen hervorragender Work-Life-Child-Balance eine meist sehr entspannte und gut gelaunte Mutter. Dass ich mindestens zwei Tage pro Woche kindfrei habe, mit meinem Freund einfach ins Kino gehen kann, und jemand anders zuständig für Spielgefährten und große und kleine Sorgen ist: das ist doch hervorragend. Ich weiß, sie ist gut aufgehoben, ich kenne die Kinder und Eltern auf der „Vaterseite“ und bekomme am Rande sehr viel von ihrem dortigen Leben mit. Grund für schlechtes Gewissen ist das nicht für mich.

Ich habe fast schon Sorge, dass ich mit einem potentiellen zukünftigen gemeinsamen Vollzeitkind mit D. sehr angestrengt sein würde. (D. hat mir allerdings schon versprochen, dass er dann ggf. mindestens ein Wochenende im Monat mit dem Kind wegfährt, damit ich entspannen kann.<3)

Ähnlich wie mir geht es den meisten Teilzeitmüttern, die ich kenne: Im Gegensatz zu Alleinerziehenden etwa haben sie eine enorme Grundzufriedenheit. Warum in diesem Artikel auf ein schlechtes Gewissen abgezielt wird, „Rabenmütter“ mal wieder ins Spiel gebracht und das „Elend der Teilzieitmutter“ propagiert wird, erschließt sich mir nicht. Sicher, hier werden auch die Chancen erwähnt, aber letzten Endes fühlt es sich wie Propaganda für das klassische Elternmodell inklusive mütterlicher Aufopferung an. Wer es nicht wählt, leidet. Vor allem, ist ja klar, die egoistische Mutter.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

8 Kommentare zu “Teilzeitmütter und schlechtes Gewissen

  1. Findest Du den Beitrag mit dem Interview echt so „negativ“ verfasst?
    Ich glaube, es hat eher was mit der Prägung zu tun, die man selbst in der Erziehung erfahren hat, ob man offen oder eher zurückhaltend, konservativ oder progressiv denkt und lebt.
    Danach entscheidet sich dann vermutlich auch, welchen Weg man nach einer Trennung wählt.
    Und in vielen Köpfen ist ja noch dieses Bild verankert, dass eben eine Frau immer dies und jenes tun oder sich ansonsten schlecht fühlen muss.
    Ich empfinde den Artikel eher so, dass gerade dieser Aspekt „angeprangert“ wird. Dass andere Wege genauso gut oder vielleicht sogar besser sein könnten als man es bislang kannte – aber erst mal schwierig von der Allgemeinheit aufgenommen werden.
    Und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass es, als meine Söhne noch klein waren, kein Mütterforum etc. gab. Vermutlich hätte ich mich da mal reingewagt und insbesondere durch unsere Trennungskonstellation meinen persönlichen Shitstorm ausgelöst. Denn da gibts ja immer noch all die Übermütter, die auf ihrem Kind glucken und allen anderen erzählen müssen, wie man sich als Mutter zu geben und zu entscheiden hat.

    Dass diese Form der „Teilzeitmutter“ aber genauso gut für ein Kind funktionieren kann, zeigen ja Du und auch Juno Vai (und früher auch Herr Blau und seine Ex, die haben auch immer wöchentlich gewechselt) trotz aller Bedenken, schiefen Blicke etc. anderer, die glauben, es besser zu wissen und zu können 😉

    Man lebt ja nicht das Leben der anderen, sondern sein eigenes – und solange es dem Kind oder den Kindern gut geht, ist es mir egal, was andere über mich sagen.

    • jongleurin sagt:

      Ich finde ihn unterschwellig negativ, vor allem den Anfang. Da wird man zu Beginn des Artikels emotional schon mal eingenordet… klar wird das später alles relativiert, aber gerade in meinem Angesprochensein fühlte ich mich da ein bisschen ins Negative gedrängt.
      Ich finde es einfach schade, dass es nicht mal einen grundsätzulich positiven Artikel zu anderen Elternmodellen als den klassischen gibt. Immer müssen Mütter leiden und ihr Gewissen zerrt an ihnen und es ist alles ganz schwierig, bevor es irgendwie dann doch geht – es nervt ein wenig in der medialen Darstellung.
      Im wahren Leben habe ich das überhaupt nicht, da finden es alle ziemlich normal und das „Leben und leben lassen“ funktioniert sehr gut. Zum Glück!

      • Dann sollten diejenigen es einfach genauso machen und entsprechend „publizieren“ 🙂

      • jongleurin sagt:

        Tjaja. Ich befürchte, es gibt einfach noch zu wenig Mütter mit Wechselmodell – und auch Väter – in Chefredaktionen großer Magazine. Im Wechselmodell kann man halt nicht so gut Karriere machen, man muss sich schließlich um den Alltag des Kindes kümmern! 🙂

  2. P.S. Hätte sich der Vater meiner Söhne auch um die Jungen kümmern wollen und so ein Modell mit mir „leben“ wollen, hätte ich es ausprobiert und vermutlich trotzdem anfangs ein „komisches Bauchgefühl“ oder vielleicht auch schlechtes Gewissen gehabt. Einfach, weil ich so erzogen wurde: In erster Linie gehört das Kind zur Mama, zumindest, wenn es noch klein ist.
    Mein Großer war 13, als wir uns trennten, und er sagte damals, er wollte beim Vater bleiben.
    Es hat sich nach und nach ganz von allein ergeben, dass er mehr und mehr zu mir und dem kleinen Bruder kam und dann bei uns blieb.
    Damals habe ich gedacht, ich möchte das tun, was für den Jungen das Beste ist – und nichts gegen seinen Willen entscheiden. Aber ich habe verdammt lange damit gehadert, ob ich eine Rabenmutter bin. „Ob das eine Mutter so machen darf.“

    Bereut habe ich diese Entscheidung aufgrund von Erfahrungen aus dieser Zeit, die ich niemals im Leben dachte, machen zu müssen. Bzw. der Junge. Aber das ist eine andere Geschichte.

    • jongleurin sagt:

      Ah, das ist interessant. Vielleicht wäre es dir ja leichter gefallen, wenn du dazu ein paar positive Artikel im „SPIEGEL“ hättest lesen können? 🙂
      Aber im Prinzip ist es ein hervorragender Ansatz, im Sinne des Kindes entscheiden zu wollen. Wobei ich manchmal denke: „Ach, sie wird es mir eh irgendwann vorwerfen, egal, was ich tue. Dann sollte zumindest ich voll und ganz mit meinen Entscheidungen im Reinen sein und möglichst viel Freude dabei haben.“
      Das tut mir leid, wenn ihr da schlechte Erfahrungen gemacht habt. Es kann natürlich immer viel schiefgehen, selbst bei den durchdachtesten Entscheidungen… Aber sie scheinen sich ja gut zu machen, deine Jungs, und du auch 🙂 Zumindest liest es sich meist recht froh bei euch.

      • Na ja, zu einem Modell gehört vor allem immer eins: dass beide Eltern sich einig sind. Es gibt leider genügend Eltern, die vergessen, dass sie Eltern sind – und nehmen sich selbst in den Mittelpunkt. Nicht umsonst schenkte ich meinem Ex damals eine Broschüre „Eltern bleiben Eltern“. Das ist 14 Jahre her. Verstanden hat er es – leider – bis heute nicht.

        Grundsätzlich aber glaube ich an alles, das es den Kindern so „leicht“ wie möglich macht. So eine Trennung ist ja schwierig genug. Ich weiß noch, dass ich als Kind immer Angst davor hatte, dass meine Eltern sich auch trennen wie so viele in unserem Umfeld. Und bin meinen Eltern dankbar, dass sie es nicht getan haben 😉
        Aber solange Mama & Papa immer noch miteinander zurechtkommen und ihr/e Kind/er im Fokus haben, finde ich persönlich es wirklich gut, sich diese Zeiten auch so zu teilen, dass auch beide Eltern ihr Kind oder ihre Kinder genießen können und keiner von beiden nur ein Wochenend-Elternteil ist. Von daher gefällt mir Euer Modell total (fand ich damals auch bei Herrn Blau schon toll) und wäre auch was für mich gewesen. Auch wenn ich anfangs sicherlich trotzdem Bauchkneifen gehabt hätte 😉 Ich hätts trotzdem ausprobiert und ich glaube auch, dass es so für die Kinder gut ist. Wenn sie größer werden, sagen sie ganz von allein, wie sie was haben möchten – und mir war immer wichtig, ihnen das Gefühl zu lassen, dass sie mitentscheiden dürfen. Dass ihnen niemand etwas aufzwingt, mit dem sie nicht glücklich sind.

  3. ysaid sagt:

    Ein Vollzeitkind erschwert Paarzeit ungemein. Wir müssen uns tatsächlich verabreden. Zufällig ergibt sich da nichts.

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