Kein Kommentar

Ich habe mir letztens eine analoge Zeitung gekauft, für eine Bahnfahrt. Nach der Lektüre fühlte ich mich frisch und leicht, informiert und so gar nicht erzürnt – ein Zustand, den ich mit Nachrichten gar nicht mehr verbinde. Ich überlegte kurz, woran das lag… an der Zugfahrt? Dem meditativen Effekt des Seitenumblätterns? und kam dann drauf: keine Kommentare unter den Artikeln.

So erholsam.

Ich plädiere seitdem gegen Kommentarfunktionen auf Nachrichtenportalen. Wozu waren die eigentlich im Ursprung gedacht, steckt da eine gute Idee dahinter? Außer so ein Leser-Reporter-Partizipations-Ansatz?

Denn faktisch läuft es ja so: eine Nachricht wird publiziert. Sofort fallen zehn Männerrechtler und zwanzig AfD-Wähler, die offensichtlich nix anderes zu tun haben, über die Kommentarfunktion her und belegen Kommentare 1-45 mit ihren Meinungen. Augenrollend wenden sich Leserinnen wie ich ab, zu ermüdet für so einen negativen Nonsens. Der Rest der AfD- und Männerrechtler-Szene liest freudig mit, etkennt die Mehrheit der Kommentare als Mehrheit des Volkswillens und fühlt sich prima, steigt sogar wonnevoll mit ein in die Diskussion mit den letzten aufrechten Widerständlern.

SPON hat bereits bei Artikeln über Flüchtlinge seine Kommentarfunktion deaktiviert. Zu sehr sind die Kommentare aus dem Ufer gelaufen. Ich finde das eine gute Entscheidung, denn im Journalismus haben Kommentare der Leserschaft, anonym und in Sekundenschnelle abgesondert, nichts zu suchen. Schon gar nicht in der oben beschriebenen Methodik. Journalismus hat und hatte noch nie etwas mit Dialog oder Foren zu tun, und das sollte auch so bleiben.

Und es wird ja noch schlimmer kommen. Die AfD hat bereits angekündigt, im Wahlkampf Kommentar-Bots einzusetzen, also Maschinen, die vorgaukeln, Menschen zu sein, die einen Kommentar abgeben. Das heißt, es wird nicht nur auf die zwanzig AfD-Wähler und die zehn Väterrechtler ankommen, um die Kommentarspalten zu füllen, sondern das ganze wird noch viel schneller und noch viel umfassender passieren. Ich bin, gelinde gesagt, erstaunt, dass das legal ist. Und solange das legal ist, würde ich es wirklich begrüßen, dass die Kommentarfunktion allesamt deaktiviert werden. Denn die anderen Parteien haben sich bereits von den Bots distanziert und angekündigt, diese nicht einzusetzen. Wir können uns also lebhaft vorstellen, wie die Kommentarspalten in nächster Zeit aussehen werden – eine Vertrumpung, wenn man so will, gegen die man keinesfalls ankommen kann. Mensch gegen Maschine.

Von einer ausgewogenen Diskussionen kann noch weniger als aktuell ausgegangen werden. Falls einmal eine gute Idee hinter den Kommentarspalten stand, ist sie hiermit spätestens hinfällig geworden. Sie werden für Plattformen für den Wahlkampf verkommen, auf denen eine Maschine sich austoben kann. Wunderbar wird dann auch die Metadiskussion auf den Plattformen werden, wenn die Kommentatoren sich jeweils gegenseitig beschuldigen, eine Maschine zu sein.

Vielleicht sind Kommentar-Funktionen aber auch eine Strafe für die Leserinnen und Leser, die nicht das Geld für das gedruckte Zeitungs-Exemplar ausgeben möchten. In dem Falle hat es bei mir gewirkt: ich werde mir ab jetzt wieder öfter eine analoge Zeitung kaufen.

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8 Kommentare zu “Kein Kommentar

  1. Ich bin – wenn ich ehrlich sein darf – ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits stimme ich Dir zu, dass nicht jeder Artikel auch durch Kommentare zerrissen werden sollte, die jegliches Benehmen vermissen lassen. Letztlich kann man ja etwas lesen und sich seine eigene Meinung dazu bilden, notfalls recherchieren.

    Andererseits finden sich auf manchen Plattformen Artikel, die nicht zwingend den Anschein erheben, tatsächlich recherchiert worden zu sein. Manchmal lese ich etwas und bin erschrocken, entwickle mehr oder weniger latente Ängste im Hinblick auf die Zukunft und die Tatsache, dass ich zwei Jungen habe, die ich einfach nur glücklich sehen möchte. Glücklich UND gesund. Ich muss zugeben, dass so manches Mal ein Artikel durch angefügte Kommentare mehr oder weniger leidenschaftlicher Art für mich „entschärft“ wurde.

    Journalismus stellt sich für mich leider nicht mehr als etwas dar, dem ich trauen möchte oder kann. Das ist nur meine ganz persönliche Meinung. Zu oft habe ich das Gefühl, in eine bestimmte Richtung gezogen wollen zu werden.
    Was ich vermisse, sind Artikel, die tatsächlich sachlich Bericht erstatten – die es aber mir überlassen, meinen eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.

    Kommentar-Bots… Ich bin vermutlich echt ein Landei – ich wusste bis heute Abend nicht mal, dass es sowas überhaupt gibt (abgesehen von den „echten“ Bots, die mir haufenweise Viagra und Antibiotika in meinen Blog setzen wollen). Und auch ich wundere mich, dass das legal ist. Dass aber eine Partei wie die AfD sich so eines Mittels bedient, wundert mich hingegen gar nicht mehr. Mit Stimmungsmache fängt man seine Mäuschen. Leider Gottes bin ich – aktuell gerade wieder aufgrund eines Postings bei FB mit entsprechend armem Kommentarbaum – immer weniger der Hoffnung, dass Menschen ausreichend Verstand besitzen, nicht auf jeden „Zug“ aufzuspringen.

    • jongleurin sagt:

      Ich verstehe deine Punkte. Es ist sicherlich auch Geschmackssache, und ich muss die Kommentare ja auch nicht lesen. Ich finde es aber wirklich frappierend, dass die Kommentare eben immer nur in eine Richtung gehen – vor allem bei den Flüchtlings- oder Gleichstellungsthemen. In meiner Wahrnehmung wird da meist nicht entschärft, sondern gehetzt.

  2. Marion sagt:

    Die Kommentare bei den meisten Tageszeitungen etc. sind mittlerweile eigentlich unlesbar. Ich finde die seit Jahren hauptsächlich ärgerlich, jetzt aber eine Katastrophe.
    Eine Tageszeitung meiner Heimatstadt hat schon vor ca. 2 Jahren und nach leidvollen Erfahrugen eingeführt, dass man sich unter Klarnamen registrieren muss, bevor man kommentieren kann. Ich denke nicht, dass jemand überprüft ob Manuel Schmidt wirklich so heißt, aber die Hürde ist offenbar schon hoch genug, um die Kommentare weitestgehend verwaisen zu lassen. Wer jetzt überhaupt noch kommentiert, hat in aller Regel wirklich was zur Sache zu sagen und nicht nur „Armes Deutschland“. Ich finde das sehr angenehm. Es ist ja auch nicht so, als gäbe es keine andere Möglichkeit zum öffentlichen Meinungsaustausch.

  3. Ich würde die Kommentarfunktion behalten… Schliesslich muss man sie nicht lesen – meistens öffnen sich die Kommentare erst, wenn man ein entsprechendes Button anklickt.

    Ich ärgere mich mehr, wenn die Kommentarfunktion blockiert wird, denn das erinnert mich an die Zensur… Sobald die Meinungen nicht den erwünschten entsprechen wird blockiert, weil die Diskussion „eskalieren“ könnte. Und wenn unter einem Artikel mit einem klaren Statement Hunderte von Kommentaren zu finden sind, die damit nicht einverstanden sind, dann ist es auch interessant zu wissen, finden Sie nicht?

    • Marion sagt:

      Diese „Eskalation“ wird für Seitenbetreiber schnell problematisch, weil sie u.U. für Rechtsverletzungen in den Kommentaren haftbar gemacht werden können, da sie die Plattform dafür bieten. Das hat dann nichts mehr mit der evtl. Meinung der Seitenbetreiber zu tun sondern kann sehr schnell sehr teuer werden. Nicht jedes Medium hat die Ressourcen, dauerhaft jeden Kommentar zu beobachten und entsprechend darauf zu reagieren. Im Zweifel würde ich da auch lieber die Funktion abstellen als mir Ärger einzuhandeln.

    • jongleurin sagt:

      Ich finde eigentlich nicht, dass es Zensur ist, wenn man nicht zu allem ungebremst und anonym seinen Senf dazugeben kann, was jemand anders geschrieben hat. Und was mich wirklich stört, ist das propaganda-ähnliche Vorgehen der Kommentatoren, so dass eben auch kein realistisches Meinungsbild abgegeben wird. Wenn man das mal ein paar Artikel lang verfolgt, etwa bei ZEIT online, fällt es schon sehr auf: immer dieselben Kommentatoren auf der ersten Kommentarseite, immer mit den denselben Argumenten.
      Klar, lesen muss ich sie nicht. Aber ich merke, dass das was mit mir macht, wenn ich sie lese, und ich unterstelle mal, dass es vielen Menschen so geht. Genau deswegen gibt es ja bald Kommentar-Bots. Kommentare wirken, und sie können hervorragend manipuliert werden. Das finde ich etwas besorgniserregend, mal ganz von meinen persönlichen Kommentar-Vorlieben abgesehen.

  4. Frau Pingaga sagt:

    Ich bin da ganz bei dir. Habe Ähnliches auch schon so oft gedacht. Und ich muss gestehen, ich lese auch viel zu selten „Print“… allerdings WENN ich es tue, hab ich immer gleich den Gedanken „Papierverschwendung“ im Kopf. Außer bei Büchern. Die mag ich immer noch lieber zum Anfassen als digital!

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