Burka-Verbot: ein Kontra

Die Diskussionen über ein Burka-Verbot finde ich überflüssig wie einen Kropf. Ich finde Burkas nicht toll, auch keine anderen Arten der Vollverschleierungen. Allerdings gibt es viele Argumente für mich, die ein gesetzliches Verbot ad absurdum führen. Eigentlich dachte ich, das Thema wäre schon in der Versenkung verschwunden, aber offensichtlich schwenkt die SPD gerade auf CDU-Kurs ein, sogar die Frauenorganisation der SPD tendiert gerade zum Burkaverbot, was ich wirklich ärgerlich finde und zum Anlass nehme, mich noch einmal auseinanderzusetzen. Hier meine hauptsächlichen Gedanken.

  • Wie gesagt: ich finde Burkas oder Vollverschleierungen nicht toll, oft fühle ich mich unbehaglich, wenn ich Frauen sehe, die so angezogen sind. Ich fühle mich aber auch unbehaglich, wenn ich exponierte nackte Brüste, merkwürdig operierte Frauengesichter, übertrieben sexy Feiernde auf der Reeperbahn oder die Professionellen drei Schritte weiter sehe. Nichts davon lässt mich denken, dass hier die Befreiung der Frauen von männlicher Herrschaft gelungen ist oder dass diese Frauen so herumlaufen würden, wenn sie frei von irgendwelchen strukturellen Zwängen wären. Und dennoch: Es möge sich jede anziehen, wie sie wolle. Die Freiheit der Andersdenkenden ist mir wichtiger als die Tatsache, dass ich mich das eine Mal im Jahr, das ich eine Vollverschleierte sehe, weniger unbehaglich fühlen könnte. Die Religionsfreiheit hat damit übrigens nichts zu tun. Religion ist mir wumpe.
  • Selbst wenn das Befreiungs-Argument ernst gemeint ist: welche Vollverschleierte wird denn ausrufen: „Ha, jetzt ist es verboten!“ und sich jubelnd des Schleiers entledigen, ihrem Mann oder wer auch immer sie hart zwingt, den Mittelfinger zeigend. Ich denke, reflektierte Vollverschleierte wissen, dass sie hierzulande nicht rechtlich gezwungen werden können, den Schleier zu tragen. Wer das nicht weiß, wird von einem Burkaverbot wahrscheinlich gar nichts erfahren, bis sie eine Behörde aufsucht. Wenn sie das überhaupt darf, ne.
  • Dann die Gretchen-Frage: dürfen wir uns das bieten lassen, dass das Symbol einer nicht-freiheitlichen Grundordnung hier so einfach rummarschiert? Und eventuell uns ins Gesicht lacht, was man ja aber nicht wissen kann, weil man es nicht sieht? Ich sage: wir dürfen uns das bieten lassen, wir müssen sogar. Es ist ein Grundsatz unserer freiheitlichen Grundordnung, dass ihr jeder ins Gesicht lachen kann. Deshalb mag ich das Land, in dem ich lebe.
  • Das Burkaverbot haben sich CDU-Männer ausgedacht, mit Verweis auf Frauenrechte. Das muss man sich mal vorstellen: Leute, die eine Quote scheiße finden, die partnerschaftliche Familienarbeit torpedieren, die Frauen in der Politik übelst sexistisch bedrängen, werden kurz mal Feministen. Das finde ich, gelinde gesagt, bedenklich.
  • CDU-Männer hatten übrigens auch viel zu Bikinis und kurzen Röcken zu sagen. Wie doll eine Frau nackig oder angezogen sein darf, scheint ein schmaler Grat zu sein. Und darauf aufbauend: Wieso geht es immer darum, wie FRAUEN angezogen sind, und das auch noch vor dem Hintergrund, dass die meisten terroristischen Anschläge von MÄNNERN unternommen werden? Warum gibt es kein Vollbart- oder Turban-Verbot in der Diskussion? Warum werden die vermeintlich Schwächsten in einer Struktur ausgewählt, die höchstwahrscheinlich sowieso die wenigsten Rechte haben? Wie genau soll ihnen damit geholfen werden? Ich verstehe es wirklich nicht. Das einzige, was mir einfällt: weil es schon immer so war und weil es am Einfachsten ist. Das überzeugt mich nicht, im Gegenteil, ich finde es höchst verwerflich.
  • Was sagen eigentlich die Vollverschleierten dazu? Weiß man nicht. Die einzigen, die sich äußern, sagen, dass es nicht arg ist und sie freiwillig so herumlaufen. Aber das gilt in der Diskussion irgendwie nicht, weil das oft Konvertitinnen sind, und die anderen kann man ja nicht fragen, daher sind das Opfer, die man retten muss. Das macht mich misstrauisch. Seit wann werden denn Unterdrückte von Politikern gerettet, ohne dass die Unterdrückten selber auf Missstände aufmerksam gemacht hätten? Frauen, Menschen mit Behinderung, LGBTs: mussten erst demonstrieren, selber PolitikerInnen werden, kämpfen, dann ging was. Dieser Schritt fehlt mir hier.

Bitte, liebe Parteien, besinnet euch.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

3 Kommentare zu “Burka-Verbot: ein Kontra

  1. Ms Phye sagt:

    Bin da ganz bei dir. Es ist ein Symptom nicht die Ursache der Problematiken, die man dahinter findet. Ich vertrete durchaus den Standpunkt, dass eine Lehrerin z.B. nicht vollverschleiert vor den Schülern stehen sollte, aber da gehört für mich auch kein Kruzifix an eben dieser sichtbar drapiert. Wie eine Privatperson herumläuft, da sollte sich der Staat nicht einmischen.

    Sicher ist die ‚Freiwilligkeit‘ durchaus ein Thema bei dem Problem. Aber das löst man nicht durch ein Gesetz, was wieder nur auf Äußerlichkeiten achtet und nie zu dem Punkt vordringen wird, wo eben diese Frage entschieden werden könnte. Und was die reine Symbolik angeht: Ich bin gegen diese ungepflegten Vollbärte. Da muss ein Verbot her! ^.^

  2. kraazkraaz sagt:

    Recht haste. Freiheit ist unser höchstes Gut. Die angstbesetzen Verbieteristen der Großpartein wünschen sich einen Menschenzoo, in denen sie das Sagen haben.

  3. kat+susann sagt:

    Wunder bar geschrieben! Ich wäre für Vollbartverbot.😈nein, bei dieser Diskussion geht es in meinem Augen wieder um.angst vor dem.nicht berechenbaren.dem Blick den.man nicht,den Worten die man nicht hört, weil.in den Stoff Gemurmelt. Vielleicht ist so ne burka auch ein Schutz vor diesen Männern die alles bestimmen müssen. Grüße Kat.

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