Zusammenleben und Urlaubserkenntnisse

Ich finde die Idee der Kleinfamilie, die so für sich in ihrer Wohnung sitzt, wirklich absurd, seit ich ein Kind habe.

Das hat sich in dem Urlaub mit meinen Schwestern und deren Familien, wo wir als Großfamilie eine Woche herumtüdelten, mal wieder bestätigt. Die Kinder waren sehr viel freier, bekamen insgesamt mehr Aufmerksamkeit, rannten miteinander herum und ich als Erwachsene war sehr viel entspannter, weil nicht die komplette Aufmerksamkeit meines Kindes auf mir lag. Und wenn doch und ein Wutanfall sich anbahnte, dann half es für das Wohlbefinden enorm, dass einfach andere Erwachsene da waren, die auch lakonisch die Augenbrauen hochzogen und anmerkten „Na ja, dann ist das jetzt eben so.“ Meine Güte, hilft so etwas! Und jedes Elternteil konnte so seine Lieblingssachen mit dem Kind machen und einfach mehrere Kinder mit einbeziehen, wenn möglich. Das funktionierte erstmal eher rudimentär, weil die Altersspanne der vier Kinder zwischen knapp 2 Jahren und 5 Jahren bisher noch nicht unendlich viele Möglichkeiten bot, aber erste Ahnungen von solch einer Aufteilung gab es schon. Das nimmt Druck, das nimmt Eltern-Einsamkeit, das nimmt Stress, das nimmt schlechtes Gewissen á la „Oh je, ich bastele nicht gerne, das kann ich meinem Kind nicht geben, ich schlechtes Elter!“ Kann dann ja jemand anders machen, das Basteln, während man selbst dann einen Kuchen mit den Kleinen backt.

So stelle ich mir vor, dass man bis vor etwa 100 Jahren Kinder großgezogen hat. Ich finde das eine enorm gesunde und kräfteschonenede, also insgesamt menschenfreundliche Art des Zusammenlebens. Und vor allem ist es keine mutterzentrierte Form. Niemand muss sich aufopfern, kann nichts anderes mehr tun als betreuen, muss Hausfrau sein – das verteilt sich auf mehrere Schultern. Als Fazit für mich bleibt da nur übrig: die Hausfrauen-Mutter ist keineswegs ein traditionelles Modell, und schon gar nicht ein natürliches Modell. Sie ist eine Idee der Neuzeit, und zwar eine absolut beknackte Idee. Menschen sind Herdentiere, und kleine Menschen profitieren von einer Herde mehr als von einer 1:1-Situation mit einer Mutter. Wir leben allerdings nicht mehr in Herden. Bis ich ein Kind hatte, fand ich das auch ganz prima. Jetzt gerade wäre es aber die passendere Lebensform.

Die Kita ergänzt immerhin einen Teil unseres Kleinfamilienlebens durch eine Art Herde. Ich habe deshalb überhaupt kein schlechtes Gewissen, mein Kind in der Kita zu lassen – sie ist für mich ein wenig die Erweiterung, die ich wegen mangelnder Möglichkeiten zum Leben in der Großfamilie nicht habe.

Ob es solche Möglichkeiten geben könnte, kann ich nicht sagen. Sicher, Wohnprojekte bilden einen Schritt in diese Richtung ab, aber einen gemeinsamen Alltag hat man dann doch nicht. Und tatsächlich – wenn keine kleinen Kinder da sind, bin ich auch gerne für mich in meiner Kleinfamilien-Wohnung, ohne dauernde Beschallung durch andere. Im Prinzip ist das Herdenleben also etwa 15 Jahre in meinem Leben eine sinnvolle Option. Und genau in dieser Zeit genau die Leute zu haben, die ähnliche Vorstellungen haben und mit denen man sich Zusammenleben vorstellen kann, inklusive des richtigen Wohnraums, ist gelinde gesagt herausfordernd in einer Gesellschaft und einem Wohnungsmarkt, die auf Kleinfamilien zugeschnitten sind.

Wenn ich sehr spinnerig werde, stelle ich mir daher staatliche Siedlungen vor. Große Häuser, in denen mehrere Familien leben können, in denen man nur wohnen kann, wenn man Kinder zwischen 0 und 18 (?) Jahren hat. Mit einem eigenen Bad, aber mit gemeinsamer Küche und Wohnzimmer. Wenn die Kinder alt genug sind, etwa eine Ausbildung beginnen, kann man entweder als Pärchen oder Single in angegliederte Wohnungen ziehen, die kleiner und separierter sind oder aber mit mehreren Menschen in wiederum WG-günstig geschnittenen Unterkünften leben. Sozusagen eine flexible Wohnsiedlung, in der man je nach Lebensphase die Wohnung und deren Größe bedürfnisgerecht wechseln kann, aber trotzdem innerhalb der Gemeinschaft oder Gruppe bleiben kann, an die man gewöhnt ist, bis ins hohe Alter und zu vernünftiger Miete.

Das fände ich schön.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

4 Kommentare zu “Zusammenleben und Urlaubserkenntnisse

  1. kraazkraaz sagt:

    Als Papa und Opa schwirrten mir nach Fehmarn ganz ähnliche Gedanken und Modelle durch den Kopf. Also: Ich würde einziehen, wenn genehm ist, halb dabei, halb zurückgezogen, und immer mal als Backup, wenns denn notwendig würde. Könnte allen helfen, auch mir.

  2. ysaid sagt:

    Ich bin auch froh über Tagesmutter & Partner und somit geteilte Kinderbetreuung. Über Großeltern am Ort wäre ich auch sehr dankbar. Aber Zusammenleben in einer Zweckgemeinschaft…puhh…nee..irgendwas sträubt sich da in mir. Die Soziophobikerin vermutlich.

  3. jongleurin sagt:

    Bei mir hilft bei der Vorstellung, dass ich 10 Jahre in WGs gelebt habe. Im Optimalfall wird daraus ja mehr als eine Zweckgemeinschaft… im schlimmsten Fall geht das aber richtig in die Hose. Generell bin ich auch sehr WG-müde, und unser Hinterhof der Hausgemeinschaft reicht mir völlig aus. Aber es war eine wirklich interessante Erfahrung, dieser Urlaub, weswegen ich das mal weitergesponnen habe.

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