Distanz und Nähe

Die Krabbe ist nun 3,5 Jahre alt. Irre groß, wie ich finde, und ein erstaunlich lebendiges Bündel, ein Gemisch aus Drahtigkeit, Sprungkraft, Weichheit, blonden Locken, unfassbar vielen Worten, Lachen, (statt Geschrei, das ist neu:) Geheule, Eis-Begeisterung und Freude. Und ich merke, dass ich als Mutter sehr viel mehr im Spiel bin als jemals zuvor. Ich bin nach einem Tag mit Kind immer öfter nicht mehr komplett erschlagen, die innere Anspannung ist völlig verschwunden, alles ist gut eingespielt. Natürlich gibt es einige neue Herausforderungen – ich nenne sie mal Erziehung und Loslassen.

Als Wechselmodell-Mutter fühle ich mich des Gluckens und Klammerns eigentlich recht unverdächtig. Dennoch neige ich dazu, die Krabbe zu bedienen und zu betüddeln, wenn sie bei uns ist – ich habe sie doch soo wenig, da soll sie es auch ganz doll schön haben! Klar ziehe ich dir die Schuhe an, Hasemaus. Du schreist nach dem richtigen Löffel, obwohl ich dir schon vier verschiedene angeboten habe? Schon okay, ich stehe nochmal auf, das stört mich nicht!

D. bekommt da regelmäßig Krisen, und ich merke auch langsam, dass es überhand nimmt. Sie hat mich in der Trotzphase gut erzogen. Aber jetzt, wo das Geschrei und die Wut nicht mehr ständig unter der Oberfläche brodeln, muss ich wieder lernen, Grenzen zu ziehen. (Und da könnt ihr sagen, was ihr wollt: ich finde die Trotzphase so gar nicht den richtigen Zeitpunkt, um mehr als die absolut notwendigen Grenzen zu ziehen. Stressiger gehts ja wohl nicht… da teile ich mir meine Kräfte anders ein und kuschel lieber einmal mehr das schreiende Kind, statt darauf zu bestehen, dass es nun diese eine Hose anzieht.)

Das beinhaltet auch, dass ich versuchen muss, nicht ständig direkt in ihrem Rücken zu sein, wenn wir eigentlich zusammen sind. Wenn wir zu Hause sind, spielt sie gerne mit den Nachbarskindern im Hof oder bei den besten Nachbarn mit ihrer Freundin. Ich muss immer sehr darauf achten, nicht die ganze Zeit dabei zu sitzen oder alle 5 Minuten nach ihr zu schauen. Es wäre mir ein Bedürfnis – unser gemeinsamer Nachmittag! – , aber ich werde eindeutig nicht gebraucht, und ich komme mir dann etwas albern vor, wenn ich ständig Gurkenteller vorbeibringe und störe. Sie weiß, dass sie immer in unsere Erdgeschosswohnung hinein kommt und ich da bin, falls sie dringend Gurke essen möchte, auf Toilette muss oder etwas gepustet werden soll. Und so stelle ich mir das eigentlich auch vor, ich als Mutter: da sein und einen Rahmen geben und anbieten, ohne immer dabei zu sein.

Aber Hölle, das ist gar nicht so einfach: Akzeptieren, dass gemeinsame Zeit und Quality Time auch bedeutet, das Kind den ganzen Nachmittag nur zehn Minuten zu sehen, weil es glücklich etwas anderes tut.

Ist schon immer interessant, dieser Abgleich von Selbstbild und Realität. Ich bin nicht ganz die konsequente, eher strenge, aber gleichzeitig entspannte und frei laufen lassende Mutter geworden, die mir vor der Schwangerschaft vorschwebte. Aber ein paar Jahre habe ich glücklicherweise noch, daran zu arbeiten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

3 Kommentare zu “Distanz und Nähe

  1. kinder unlimited sagt:

    ich finde, das klingt verdammt perfekt!!!!

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