Der Preis der entspannten Vereinbarkeit

Ich bin ja eine von denen, die Beruf und Kind ganz entspannt unter einen Hut bekommt. Wenig Stress und wenn doch mal Land unter ist, habe ich genug Freizeit, um ab und zu mal wieder runterkommen zu können. Klingt gut? Ist es auch. Allerdings ist das nicht ganz voraussetzungslos, ich muss dafür in vielen Lebensbereichen kompromissbereit sein. Alles hat seinen Preis, auch das entspannte Vereinbaren. Dass ich nur ein Kind habe, und das auch noch im Wechselmodell, sei dahin gestellt – für dieses Arrangement bezahle ich exakt denselben Preis.

Hier meine Liste der Dinge, die dafür nicht möglich sind und auf die ich mal mehr, mal weniger gern verzichte.

  • Gut verdienende Karrieremänner in meinem Leben. Ein Mann, der Vollzeit plus arbeitet, geht einfach nicht, wenn man selber auch ernsthaft (=existenzsichernd für mich und mein Kind) Erwerbseinkommen verdienen möchte, zumindest nicht mit kleinen Kindern und keinesfalls entspannt. Meines Erachtens sind 60 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche pro Paar gut möglich, und davon will ich 30 haben. Zum Glück finde ich Teilzeit-Männer, die das Leben jenseits der Arbeit genießen, nicht besonders gerne im Büro sitzen und begeistert gegen jeden noch so kleinen Widerstand Elternzeit nehmen, ziemlich sexy. Ich empfinde das auch immer als Trophäen-Männer: ich kann es mir leisten, so einen Punk bei mir zu haben, denn ich verdiene genug, wenn ich 30 Stunden plus arbeiten kann. Auch nach einer Trennung ist das enorm praktisch: Wechselmodell statt alleinerziehend macht Vereinbarkeit enorm viel komfortabler und ist mit einem Teilzeit-Mann deutlich einfacher.
  • Eigene Karriere. So richtig Karriere geht nicht entspannt und mit 30 Stunden, das ist ja klar, dafür muss man ackern. Wenn man das mit kleinen Kindern vereinbaren will, wird es stressig, es sei denn, jemand hält den Rücken ganz gewaltig frei. Das ist dann allerdings nicht Vereinbarkeit für mich, sondern ganz klassische Arbeitsteilung.
  • Ganz wenig oder gar nicht arbeiten. Gut, das ist für mich persönlich kein Opfer. Ich mag meine Arbeit, finanzielle Abhängigkeit macht mich enorm nervös und dauernd allein oder mit Kleinkind zu Hause sitzen macht mich depressiv. Große Teilzeit für beide PartnerInnen ist einfach praktisch und erstaunlich oft auch möglich. Schöner Nebeneffekt: man kann öfter auch mal zum Sport oder auf Dienstreisen oder anderen Hobbys nachgehen, wenn man nicht der einzige Mensch in der Beziehung ist, der die Kita-Abhol-Dienste inne hat und ohne einen zu Hause nicht alles zusammen bricht.
  • Wohneigentum oder Anschaffungen auf Kredit. Generell vermeide ich finanzielle Belastungen, die ich nicht theoretisch selber wuppen kann. Das beruhigt und nimmt den Druck weg, auf ein möglichst großes Einkommen eines Hauptverdieners existenziell angewiesen zu sein.
  • Ein komplett hervorragender Lebensstandard. Da muss man sich für ein paar Dinge entscheiden, mit zwei großen Teilzeit-Einkommen ohne jeweils grosse Karriere kommt man gut zurecht, aber nicht uneingeschränkt. Was wir haben: Altbau in der Großstadt, Altersvorsorge und ich gehe viel aus, ohne groß aufs Geld zu achten. Dafür wohnen wir im sozialen Brennpunkt, denn in Eimsbüttel ginge das finanziell nicht. Kein Auto, viele second-Hand-Klamotten für mich und die Krabbe, Bücherhalle statt Buchladen etc pp. Finde ich prima, muss man aber mögen, das ist mir klar.
  • Landleben. Jobs in großer Teilzeit mit geisteswissenschaftlichem Abschluss gibt es nur in der Großstadt, Kitas mit reellen Öffnungszeiten auch. Sowieso große Teilzeit: ist mir auf dem Land noch nicht begegnet.
  • Das Gefühl, das Beste und das Einzige für mein Kind zu sein und alles selbst zu machen. Das geht natürlich langfristig nicht, wenn man ernsthaft arbeiten möchte, ohne sich kaputt zu machen. Da muss man abgeben können, und das ist gar nicht so einfach, vor allem mit den immer noch vorherrschenden Vorstellungen über Mütter, dass diese bitte alles selber machen sollen, am besten noch mit Langzeitstillen und windelfrei und Kuchen backen für die Kita und jahrelanges Familienbett und Klamotten selber nähen und jeden Tag zweimal frisch kochen. Davon muss man sich etwas frei machen, sonst stirbt man leider einfach beim Versuch der Vereinbarkeit, denn machen wir uns nichts vor: das alles hat einen gewissen Reiz, ist aber anstregend und zeitraubend. Es bedingt außerdem einen sehr hohen Anspruch an das Eltern-Sein, den man kaum über sehr viele Jahre halten kann und der mit einem Job nicht gut zu kombinieren ist, und wenn man es versucht, frisst einen das schlechte Gewissen auf. Es hilft enorm, wenn man einen Partner hat, der klaglos seinen Teil übernimmt und das sogar einfordert. Allerdings darf man dann auch nicht meckern, wenn der keinen Bock auf Kuchen backen und windelfrei hat, sondern er muss dann seinen eigenen Weg gehen könne. Das ist manchmal sehr, sehr schwer. Da nehme ich mich nicht aus.

Das sind für mich die wichtigsten Einschränkungen, um entspannte Vereinbarkeit zu schaffen. Wenn man auf eines oder mehrere dieser Dinge nicht verzichten möchte, wird es schwieriger, denke ich – oder man muss andere Dinge in Kauf nehmen als die oben erwähnten. Letzten Endes ist es eine Frage der Prioritäten, und da hat eben jede ihre eigenen und muss ihren Weg finden. Und den Preis, den sie für diesen Weg zu zahlen bereit ist.

Ich glaube sogar, dass  all die oben beschriebenen Dinge auch sehr gut möglich sind mit Job und Kindern, wenn man enorm viel Energie und einen wirklich riesigen Organisations-Speicher hat. Bei Frau Brüllen zum Beispiel staune ich immer, nehme ihr aber komplett ab, dass sie das so kann und dabei auch noch gute Laune hat. Ich könnte das eventuell auch, aber für mich wäre es dann nicht mehr entspannt, und das mit der Entspannung ist sehr wichtig für mich.

Mein Credo dabei ist ja immer: Vereinbarkeit fängt zu Hause an, nämlich bei den Partnern und dem Umfang der Erwerbsarbeit, die man so zwischen sich aufteilt. Da kann der Staat noch so herausragende Kitas schaffen, die Arbeitgeberinnen noch so supidupi familienfreundlich sein (was oft genug nicht der Fall ist, was ich scharf verurteile, also bitte nicht falsch verstehen): wenn einer von beiden Eltern Vollzeitplus-Karriere macht, kann der andere nur ein Zubrot verdienen (je nach Größe der Kinder) und bleibt auf dem Familienkrams sitzen und muss vereinbaren. Ganz alleine.

Da wäre ich auch nicht mehr entspannt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

7 Kommentare zu “Der Preis der entspannten Vereinbarkeit

  1. Schöner und ehrlicher Beitrag, der zum Nachdenken anregt. Danke!

  2. Ein sehr guter Artikel mit sehr guten Gesichtspunkten…. und auch der letzte Abschnitt spiegelt genau meine Meinung wieder. Aber nicht alle können oder wollen so ein Modell leben. Wobei ich immer wieder das Gefühl habe, dass gerade die Frauen meinen, sie müssten sich für alle anderen aufopfern und zudem noch ihre Männer im Familienbelangen schonen, weil die Kerle ja so viel arbeiten müssen. Und oft spielen die Männer dieses Spielchen auch noch gerne mit.

  3. Cecilia sagt:

    Sehr, sehr guter Artikel. Mit „Lasst uns über Geld sprechen“ (https://jongleurin.wordpress.com/2016/02/01/lasst-uns-ueber-geld-sprechen/) gehören Sie zu den besten zu diesem Thema. Danke dafür!
    Cecilia

  4. jongleurin sagt:

    Danke für die Blumen! Es ist ein schwieriges Thema, ich habe dem Text monatelang mit mir herumgetragen.
    Verlorene Schuhe: ich glaube auch, die Männer werden da noch sehr geschont. Nicht nur von den Frauen, auch von der Politik (2 Vätermonate, Ehegattensplitting, Betreuungsgeld: das verfestigt das Prinzip), auch von Arbeitgebern,die es als selbstverständlich ansehen, dass Familie erst nach der Arbeit kommt. Während von Frauen verlangt wird, entspannt zu sein und zu arbeiten und zu vereinbaren, was eben nur unter bestimmten Bedingungen zu schaffen ist. Es bräuchte einen Kulturwechsel, um diese Beingungen breiter zu etablieren, und ich denke, der fängt im Kleinen an. Also bei mir, bei dir und unseren Blogs.

  5. Zuagroaste sagt:

    Der beste Artikel den ich seit langem gelesen habe zum Thema Vereinbarkeit. Ich stimme aufgrund meiner (anderen) Erfahrungen sehr zu. Gefunden habe ich ihn über Christine Finke. Erfrischend.

  6. Mar sagt:

    Vielen Dank für diesen klasse Artikel!
    Mir gefällt besonders gut, dass du betonst, dass auch die schöne Vereinbarkeit ihren Preis hat, den wir bereit sein müssen zu zahlen. Weniger Geld, weniger Eigenheim. Weniger Zeit für Familie, weniger selbstgemachte Kleider und Kuchen usw. – es sei denn das ist das Hobby und Entspannungs-Tool schlechthin.
    Und diese Vereinbarkeit müssen wir auch können durch unsere Partner_innenwahl. Wenn unsere Partner_innen nicht auf Vereinbarkeit stehen, sondern von vornherein oder später sagen, sie wollen Karriere plus oder sie wollen komplett daheim bleiben, klappt´s nicht.
    So, bevor ich jetzt alles wiederhol, worin ich dir zustimme: Danke!

    • jongleurin sagt:

      Gern geschehen! Ja, die Partnerinnenwahl ist wichtig. Problematisch ist das dann, wenn man erst nach der Geburt eines Kindes merkt, was man wirklich will, weil man sich alles ganz anders vorgestellt hat… Ich glaube, das passiert öfter, als man denkt.

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