Sommer und Lerngeschenke

Ich komme einfach nicht über das Wetter hinweg. Weil es gefühlt von heute auf morgen so wunderbar ist, fühlt es sich an, als wäre ich in Urlaub gefahren und müsste das alles sehr intensiv genießen, bevor es in einer Woche wieder vorbei ist. Mal sehen, wie der Sommer so wird, aber das hier ist ziemlich hammermäßig.

Ich bin da ja auch sehr einfach gestrickt: Sonne auf der Haut und danach an einem warmen Abend auf dem Balkon sitzen macht mich ziemlich glücklich. Am besten daran finde ich, dass ich das noch etwa 50 Jahre machen kann.

Gestern hatten wir das alles und noch mehr. Einen Ausflug zum Feld mit der besten Nachbarsfamilie, 17 Kilometer mit den Fahrradanhängern hin und wieder zurück, drei Stunden Picknick und Feldarbeit – Kartoffeln und Jungpflanzen einbringen etwas Quecke rupfen, Jungpflanzen einzäunen im Versuch, sie vor Schnecken zu schützen. Das war toll. Und abends auf den Balkon, mit Impi und D. Prosecco (ich) und Bier (die Jungs) trinken, und dann ins Bett.

Wenn ich es jetzt noch schaffe, mich mental auf das Kindertempo einzustellen bei solchen Aktionen, kann mich nichts mehr schrecken. Das fällt mir bei solchen neuen Dingen immer etwas schwer. Letztes Jahr war die Krabbe zwei Jahre alt und sehr viel unselbstständiger, was paradoxerweise viel weniger Zeit gekostet hat. Quengeln, diskutieren, unkontrolliert herumlaufen, selbstständig Dinge tun, beschäftigt werden wollen: wenn man eigentlich etwas schaffen möchte, ist das anstrengend zu begleiten. Mit einer weiteren Familie potenziert sich das Ganze dann noch, so dass ich des Öfteren augenrollend über meinem Fahrradlenker oder über den zarten Zucchini-Pflanzten zusammenbrach. Aber wie sagte die beste Nachbarin so klug: man darf seine Stimmung nicht von den Kindern und deren Stimmungen abhängig machen.

Somit betrachte ich die Situation als Lerngeschenk und werde an mir arbeiten.

Dieser Satz liest sich anders, als ich ihn meine, den ich kann das Wort „Lerngeschenk“ immer nur ironisch einsetzen, was sich schriftlich allerdings nicht gut transportieren lässt. „Lerngeschenk“ klingt nach einer mir etwas fremden Art, das Leben zu betrachten. Ich habe es auch nicht so mit Achtsamkeit, Homöopathie, Yoga und Handarbeit – für andere Leute bringt das sicher viel, aber für mich nicht. Und Lerngeschenk klingt für mich einfach nach einer sehr achtsamen Frau, die im Lotussitz auf ihrem selbstgeklöppelten Puff sitzt und zufrieden  murmelt: „Der Bus kam heute wie jeden Tag zu spät, aber das nervt mich keinesfalls. Das ist mein Lerngeschenk. Danke, ÖPNV.“

Die Idee an sich finde ich gar nicht schlecht. Dass man aus misslichen Situationen oder Ärgernissen etwas über sich lernen kann und daraus konstruktiv etwas ableitet, ist ein guter Ansatz. Aber „Lerngeschenk“ ist harter Tobak, denn auf Geschenke freut man sich und bekommt sie zu schönen Anlässen. Da schimmert ein so erzwungen positives Bild von negativen Dingen durch, dass ich mir etwas verarscht vorkomme bei dem Gedanken an Lerngeschenke.

Die ganz Harten würden mir jetzt wahrscheinlich empfehlen, meinen Zorn über das Wort „Lerngeschenk“ dankbar anzunehmen – als Lerngeschenk.

Ich komme aus der Sache einfach nicht raus. Ich gehe mal auf den Balkon, sonnen.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

2 Kommentare zu “Sommer und Lerngeschenke

  1. ysaid sagt:

    Das unangenehme daran ist der darin verpackte Anspruch/Apell. Man muss nur anders damit umgehen, damit man nicht gestresst ist bzw. besser reagiert ergo eine bessere Mutter/Mensch ist, das Leben besser „nutzt“, gesünder ist.
    Das löst bei mir auch Abwehr aus. Sobald ich aber den egoistischen Nutzen für mich in den Fokus nehme, finde ich es schon gar nicht mehr so dumm. Kein Lerngeschenk, denn Erfahrungen lassen sich bekanntlich nicht projizieren.

    • jongleurin sagt:

      Dumm ist es keinesfalls. Nur das Wort nervt mich. Als ich es das erste Mal gelesen habe, habe ich gelacht. Ich war der festen Überzeugung gewesen, dass das ein Witz war. War es nicht.
      Ein gutes hat das: weil es mich so nervt, verinnerliche ich es leichter 🙂

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