Parteiengagement

Seit etwa drei Monaten bin ich nun in der Frauenorganisation der Partei aktiv und schon enorm gut eingebunden. Ich werde hoffentlich demnächst in den Vorstand auf Kreisebene kooptiert (sprich: der Vorstand beschließt, ich solle ihm angehören. Da ich nicht gewählt bin, bin ich nicht stimmberechtigt, aber es wird auf Kreisebene wahrscheinlich keine abstimmungsbedürftige Konflikte geben), ich habe die Landes-Organisations-Wahlen geleitet (so was habe ich noch nie gemacht, aber ich hatte Unterstützung von erfahrenen Frauen und alles ging gut) und bin nun Mitglied in der Antragskommission, die die Anträge des Landes an die Bundesebene vorbereitet.

So skeptisch ich Parteien und der Arbeit in diesen immer gegenüber stand, muss ich sagen, dass ich aktuell Fan bin. Ich bin nun einerseits nicht komplett verträumt geworden und der Meinung, dass ich an der Basis viel bewegen kann, da war mein Job im Bundestag effektiver. Und tatsächlich ist es so, dass auch auf Distrikts- und Kreisebene das Pöstchengerangel enorm ist, bevor man irgendwas zu sagen hat, muss man eine Soap-Opera der allerersten Güte durchlaufen, Befindlichkeiten und andere Pöstchen berücksichtigen, es ist sehr aufregend und gibt einem das Gefühl von enormer Wichtigkeit. Willkommen, Ochsentour!

Aber da andererseits Posten gar nicht mein Begehr sind, ist das alles total okay. Ich möchte in der Gleichstellungsarbeit aktiv bleiben, ich möchte Impulse geben, ich möchte Menschen hier in Hamburg kennenlernen. Dafür ist diese Parteiarbeit natürlich unfassbar gut. Gestern saßen da mal so eben 50 Frauen, die ich von meinem Wahlleiterinnen-Podium sehr gut sehen konnte und qua Wahllisten nun auch namentlich kenne. Ich mache etwas mit meinen Kolleginnen, was immer Spaß macht. Und in der Antragskommission kann ich mich etwas austoben, was die Arbeit an grundsätzlichen Texten angeht.

Generell finde ich: wen etwas stört in der Gesellschaft, die sollte aktiv werden. Und da braucht man sich nichts vormachen: an der Regierung sitzen die etablierten Parteien, und ich bin ziemlich sicher, dass das auf lange Zeit noch so bleiben wird. Ein Weg, um etwas zu bewegen, ist die Mitarbeit in diesen Parteien. Auch andere Wege bringen etwas – bloggen, twittern, demonstrieren, in Vereinen und Verbänden mitarbeiten, keine Frage. Aber da muss man dann eben hoffen, dass das Thema von der Politik auch aufgegriffen wird. In den Parteien kann man per Stimme dafür sorgen.

Sicherlich ist das alles auch sehr frustrierend. Bevor ein Thema von ganz unten nach ganz oben kommt, erfordert es viel Durchhaltevermögen und Energie, besonders bei so „weichen“ Themen wie Gleichstellung. Der Sitzungen sind es viele, und immer abends und recht lange – Vereinbarkeit ist definitiv ein Problem bei dieser Art von Engagement. Aber es ist auch irgendwie kuschelig. Man hat das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein, man trifft immer dieselben Menschen und hat einen Anschluss, den ich so noch nicht erlebt habe. Es liegt eine ganz besondere Anziehung in der Parteiarbeit.

Fragt mich in einem Jahr nochmal, aber ich glaube: das könnte was für mich sein.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Freizeit.

9 Kommentare zu “Parteiengagement

  1. impi81 sagt:

    Ob die Parteien in ihrem Status Quo noch die richtige Basis sind, um sich „zu engagieren“, will ich mal deutlich in Frage stellen. Mal von dem Pöstchen-Geschacher und den Eitelkeiten abgesehen (was mich persönlich massiv abschreckt), habe ich auch den Eindruck, das sich Parteien zusehends von den Haltungen und der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt haben.

    Es kommt ja nicht von ungefähr, dass wir mit der AfD in Deutschland oder mit Trump/Sanders in den USA schillernde Beispiele haben, wo gerade durch die bewusste Abgrenzung vom etablierten Politbetrieb erfolgreich mobilisiert wird. Ich bin mir sicher, dass das ein Trend ist, der uns noch Jahre begleitet. Gerade die sogenannten Altparteien sollten da mal ganz grundsätzlich Tabula Rasa machen und sich fragen, wie sie sich substanziell und nicht nur symbolisch erneuern.

    Ich fürchte aber, das wir da eher eine sehr besorgniserregende Entwicklung erleben. Auf der einen Seite haben wir völlig abgehobene Parteiapparate, die irgendwo zwischen Vereinsmeierei, Demoskopiehörigkeit sowie Weltfremdheit oszillieren und dabei tief gespalten sind in Basis und Führung – auf der anderen Seite drängen Populisten in diese Lücke. Flankiert von dem durchaus berechtigten Gefühl, dass die Politik zunehmend ohnmächtig ist und Entscheidungen still und intransparent getroffen werden.

    Zu sagen: „Mach halt selber und misch eine Partei Deiner Wahl auf“ halte ich für ziemlich wohlfeil. Andersrum wird ein Schuh draus: Die Parteien müssten auf die Menschen zugehen – und zwar nicht nur als Marketinggag oder in Form von Social Media-Beauftragten, die jeden Facebook-Kommentar aufgeschlossen-distanziert beackern.

    • jongleurin sagt:

      Da ist viel Wahres dran. Ich finde es allerdings auch wohlfeil, sich gar nicht nicht zu engagieren und sich zu beschweren bzw. sich dann vor denen zu erschrecken, die sich auf der falschen Seite engagieren. Auch die AfD und Donald Trump bewegen sich innerhalb ganz normaler parteilicher Strukturen und haben Erfolg.

      • impi81 sagt:

        Mein Punkt ist: Qua Verfassung kommt den Parteien eine ganz besondere Rolle zu – und genießen dafür einige Privilegien. Daher ist es ihre gottverdammte Pflicht zu reagieren, wenn sich mehr und mehr Menschen nicht mehr durch sie repräsentiert fühlen.

        Das ich weit davon entfernt bin, die AfD zu mögen, ist hoffentlich klar. Aber die AfD schafft es, das Menschen wieder zur Wahl gehen und dabei ernsthaft glauben, ihr Kreuz könne etwas verändern. Das muss auch den anderen Parteien gelingen – oder demokratische Institutionen verkommen auf lange Sicht zu etwas, das man vielleicht am besten mit einer Theaterbühne vergleichen kann.

        Auch wenn es pathetisch klingt: Ich bin überzeugt, dass es hierbei gerade um nichts geringeres geht, als den Fortbestand der Demokratie. Und zu sagen: „Engagier Dich, ignorier die widersprüchlichen Inhalte und das Geschacher auf Distrikts- und Kreisebene, sei fleißig, schmiede die richtigen Netzwerke und in zehn Jahren kannst Du vielleicht den Bau einer Umgehungsstraße verhindern, damit Dein biodynamischer Waldkindergarten erhalten bleibt und Deine Kinder nicht mit dem Türken zusammen spielen müssen“ halte ich da mehr für so mäßig sexy.

  2. jongleurin sagt:

    Dann sind wir einfach unterschiedlicher Ansicht. Klar sollen Parteien abwärts arbeiten, aber die Piraten haben schon vorgemacht, dass das nicht so einfach ist. Meine Haltung ist ja generell eher die, dass Veränderungen bei mir selber anfangen müssen. Ja, auch mäßig sexy…Und von dem letzten Teil in deinem letzten Absatz möchte ich mich dann doch distanzieren, darum geht es mir nicht. Ich möchte Gleichstellungspolitik mitmachen. Die Krabbe spielt sehr gerne mit türkischen Kindern in der städtischen Kita…

    • Juristin sagt:

      Das ganze ist schwierig… wie soll man eben auch 80 Millionen in ein Boot holen? Ich finde auch, wer was ändern will, sollte bei sich anfangen. Wer Vollzeit arbeitet und nebenbei Kinder erzieht, hat natürlich kaum Zeit und Kraft dazu….
      Parteien sind im Prinzip Interessengemeinschaften. Im Falle der Afd kann man sehen: Finden sich genug Menschen zusammen, können sie ihre Interessen vertreten. Auf die Menschen zugehen… schwierig. Die müssten doch erstmal überhaupt politisch interessiert sein. Die meisten sind es nicht. Parteienmüdigkeit ist ja auch ein Zeichen von relativem Frieden und Wohlstand. Ganz anders noch als zu Zeiten der Weimarer Republik.
      Und den größten gemeinsamen Nenner von x Millionen zu finden? Vernunft nimmt in der Masse ab, das sollte man bedenken (s. AfD). Ist alles etwas schwierig, das beginnt schon bei den Grundlagen. Wer kann für sich selbst entscheiden, was richtig ist? Jemand, der umfassende Kenntnisse in der Sache hat und den Intellekt und die Erfahrung, diese Kenntnisse richtig zu bewerten. Sich umfassend zu Sachen zu informieren ist den meisten aber zu anstrengend, und eine dementsprechend differenzierte Meinung so einigen auch nicht plakativ genug. Gerade wieder in meinem Skript gelesen: Stammtischparolen sind keine juristische Argumentation 😀

      Ich lese gerne mehr von dir und der Partei 😀

  3. jongleurin sagt:

    Anders arbeiten soll das heißen, nicht abwärts arbeiten …

  4. impi81 sagt:

    Mit dem letzten Absatz wollte ich nicht Dich persönlich meinen. Falls das falsch rüber gekommen ist, sorry. 😉

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