50/50 – aber erst nach der Trennung

Es ist mein persönliches Schicksal, und ich lese es immer öfter in anderen Blogs, Artikeln und bekomme es erzählt: Paritätische Arbeit am Kind funktioniert erst nach einer Trennung, vor allem wenn der Mangel an Parität ein Trennungsgrund war. Wie kommt es dazu? Ich habe ein wenig darüber nachgedacht und ein Muster festgestellt.

Die meisten Paare besprechen vor dem ersten Kind durchaus reflektiert die zukünftige Arbeitsaufteilung und haben dann gefühlt ein gemeinsames Bild von dem, wie es laufen soll. Oft- besonders, wenn schon etwas unterwegs ist – ist bereits das ein ernüchternder Prozess, bei dem für die Frau unerwartet viele Elternzeitmonate vom Mann zugesprochen bekommt, während sein Anteil sich aus den verschiedensten Gründen, die natürlich den äußeren Umständen geschuldet sind, stark reduziert. Was ich da nicht alles schon gehört habe!

  • Er studiert, da gibts ja eh kein Elterngeld.
  • Sie studiert, da braucht es halt sein Einkommen.
  • Er hat einen befristeten Vertrag, da geht es nicht.
  • Sie hat einen befristeten Vertrag, da ist es eh egal.
  • Dann bekommt man das zweite Auto nicht mehr finanziert, und überhaupt: der Job!
  • Elternzeit ja, aber dann nur mit exzessiven Reisen. – Wie, keine Reise? Nee, dann auch nicht Elternzeit.
  • Elternzeit gerne, auch gerne drei Monate (aber nur mit Huldigung und roten Rosenblättern), aber dann auch die Eingewöhnung und parallel mit der Dame des Hauses.
  • Und so weiter und so fort.

Na gut. Man einigt sich irgendwie, aber manchmal bleibt da bereits ein schales Gefühl zurück. Das Baby kommt dann also, und interessanterweise neigen die Herren dazu, sich nicht so arg zu beteiligen, wie die Dame das nach dem Gespräch erwartet hatte. Unterschiedliche Wahrnehmung ist oft das Hauptproblem, und die mangelhaft erkannte Verhandlungsmasse. Viele Sachen würden einem ja in der Vorab-Verhandlung gar nicht einfallen, man ist ja gänzlich unbeleckt vor dem ersten Kind! (Achtung, im Folgenden bejammere und bewüte ich meine persönlichen Erlebnisse. Gewiefte Gesellschaftskritik kommt erst wieder im nächsten Absatz. Bei Bedarf gerne diesen hier überspringen!) So hatte ich persönlich die Dynamik unterschätzt, dass ich nach der Arbeit nach Hause komme, das 8 Monate alte Kind in die Hand gedrückt bekomme und der Herr zum Sport verschwindet. Oder, als ich Elternzeit hatte, er nach seiner Arbeit direkt zum Sport geht, zu Hause ward er nicht gesehen. Klettern war er, dauert drei Stunden, ungelogen drei Mal pro Woche. Von 9 bis 21 Uhr war ich alleine mit dem Kind. Wollte ich Familienzeit mit uns allen zusammen, musste ich die von meinen freien Abenden abknapsen, wenn er verpflichtend zu Hause war. ALLEINE mit dem Kind spazieren gehen, damit ich mal ausruhen könne? Das ist doch voll langweilig, das macht er nicht. Oder die Tatsache, dass er sowieso mal gar nix machte, wenn ich dabei war. Wickeln, füttern, haste nicht gesehen – und bei Hinweisen widerum darauf hinwies, dass er das schon bald machen würde, er einfach mega entspannt drauf sei und dass es quasi mein neurotischer Kontrollwahn wäre, wenn ich nach einer halben Stunde Kackegeruch selber die Windeln wechselte, statt seinen voll relaxten Rhythmus zu akzeptieren, weil er halt noch auf facebook Surf-Fotos hochladen muss. Vom letzten Surf-Wochenende bei 3 Grad Celsius in Dänemark, das er für seinen Ausgleich brauchte, und wenn ich nicht alleine mit dem Baby zu Hause sein will, soll ich doch mitkommen. Ist voll schön mit Säugling in Dänemark im Winter am Strand. Er muss dann halt viel surfen und kann keine Zeit mit Frau und Kind verbringen, aber hallo! Dänemark! Andere Frauen würden sich freuen!

Ich erspare den geneigten Lesern den Rest, es ist ja inzwischen schon fast öde, man kann es sich auch denken. Ich bin kein Einzelfall. Jedenfalls wage ich die Behauptung, dass die Männer in diesem Muster der schweren Überzeugung sind, dass sie wirklich 50% machen. Also fast. Aber jedenfalls viel mehr als alle anderen Männer.

Ich bin immer noch wütend, wie man vielleicht ganz vage merkt, und es macht mich genauso wütend, wenn ich das in meinem Umfeld mitbekomme. Am dollsten wütend werde ich, wenn dann – so auch bei mir – die Trennung folgt, die Herren wahnsinnig überrascht zusammenbrechen, unter Tränen das Blaue vom Himmel herunter versprechen und schwören, dass alles voll gut wird. Merkt ihr, ne – dieses Gespräch haben die meisten Paare schon vor der Geburt gehabt und ziemlich sicher auch vor der Trennung einige Male. Die Damen haben es mindestens einmal geglaubt und sind böse auf die Nase gefallen.

Nächster Schritt: Trennung durchgehalten, was ja auch nicht einfach ist bei einem Herrn, den man liebt(e), der auf einmal merkt, wie wundervoll die Dame ist und was er alles falsch gemacht hat. Geschenkt. Wenn sich alle etwas beruhigt haben, geht es mal wieder um Arbeitsteilung. Es wird ernst, denn die bisher eher verbalen Zugeständnisse müssen auf einmal individuell umgesetzt werden. Vielfach wird der bis dahin theoretisch schon durchgeführte Plan einfach beibehalten. Bisher haben die Herren das in ihrer eigenen Wahrnehmung ja auch super hinbekommen. Jede hat also jeweils ihre freien Abende in der eigenen Wohnung, der Herr denkt sich: Wochenende, ja, da hat man ja auch klassisch das Kind, da wechselt man sich ab, und plötzlich sitzt man als Dame recht oft alleine zu Hause und KEINER WILL WAS VON DIR. Man hat echte Auszeiten, richtig Freizeit. Der Herr hat das Kind, und er macht alles selbst, weil die Dame nicht da ist. Sogar den Haushalt und kochen. Der Herr reduziert seine Arbeitszeit, weil es tatsächlich nicht anders geht, wenn er sein Kind mal sehen möchte und er merkt, was für ein Orga-Scheiß delegieren sein kann.

Erstmal ist das in der eigenen Erfahrung bizarr und dann ganz erholsam, und dann kommt die Frage aller Fragen: Wieso nicht gleich so? Warum verhalten sich die Herren erst wie blöde Säcke, trennen sich lieber, als sich zu ändern, und ändern sich nach der Trennung genau so, wie es die Beziehung gerettet hätte? Ich meine, ich bin auch nicht komplett dämlich, ich weiß, wie der Hase läuft: kaum kommt man wieder zusammen, ist die Änderung nichtig und alles wie vorher.

Ich verstehe die Mechanismen hinter diesen Prozessen nicht. Es tröstet mich, dass ich nicht alleine bin, aber das ist eine recht neue Erkenntnis, die ich aus diesem Blog-Artikel von mutterseelsonnig und den darauf folgenden gelernt habe. Ich dachte immer, es läge an meinem Ex-Herren persönlich, der eine „interessante“ Persönlichkeitsstruktur hat. Nein, ich weiß jetzt: er ist ein ganz gewöhnlicher blöder Sack gewesen. Woran liegt das? Haben die einfach den Schuß nicht gehört, oder glauben sie, man ist so dermaßen abhängig von ihnen mit Kind, dass man sich eh nicht trennen wird?

Ich beobachte das mal weiter. Anschauungsmaterial wird es auch weiter genug geben, fürchte ich.

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16 Kommentare zu “50/50 – aber erst nach der Trennung

  1. Juristin sagt:

    Am besten gefällt mir ja der Satz: „Nein, er ist ein ganz gewöhnlicher blöder Sack gewesen.“ 😀
    (aber echt 😦 )
    Ansonsten: Sehr spannendes Thema 🙂 Ich glaube, viele mogeln sich gern durch, aus Bequemlichkeit.

    • jongleurin sagt:

      Ja, das stimmt wohl. Aber ich finde es so merkwürdig, dass sie sich dafür lieber trennen, um dann nach der Trennung doch alles so zu machen…. das könnte man doch echt einfacher haben.

  2. maramarin21 sagt:

    Eine sehr interessante Frage und ein toller Beitrag. Ich habe auch schon mal im „Halb-Spaß“ gesagt. Wenn Du mir bei dieser oder jener Sache schon nicht hilfst, dann rede mir wenigstens auch nicht rein. Und wenn Du es doch tust, dann trennen wir uns und ich habe jedes zweite Wochenende frei ;-).

  3. Lotta sagt:

    „Paritätische Arbeit am Kind funktioniert erst nach einer Trennung, vor allem wenn der Mangel an Parität ein Trennungsgrund war.“
    nicht unbedingt.
    Mein Mann war dann ganz weg.
    Und hat das Ganze dann mit einer wesentlich jüngeren Frau (kaum älter als unsere älteste Tochter) in 2. Ehe re-inszeniert. Also seine Abwesenheit….bei der Erziehung/Reproduktionsarbeit.

    Wie immer guter Beitrag! 🙂

    • jongleurin sagt:

      Danke…! Na klar, das ist wahrscheinlich auch ein bisschen jammern auf hohem Niveau von mir – ein Fall wie deiner geht mal gar nicht, keine Frage. Ich wundere mich auch eher über das Engagement erst nach der Trennung… es ist halt nicht mal das Nicht-Engagament konsequent gelebt. Hätten sie es von Anfang an so gemacht, wäre es gar nicht zu einer Trennung gekommen.

  4. ysaid sagt:

    Gott, habe ich oft an Trennung gedacht. Und angedroht. Hat geholfen. Wobei es bei uns nicht um 50/50 ging. Eher um 70/30. Da sind wir jetzt.

    • jongleurin sagt:

      Ich hatte auch viel damit gedroht, hat nicht geholfen 🙂 Erst die Trennung selber. Immerhin, aber schade drum ist es doch, die hätte man recht einfach vermeiden können.
      Glückwunsch zu den 30/70, das ist schon mal was!

  5. impi81 sagt:

    Vielleicht hat die Trennung auch dafür gesorgt, dass einige andere „Probleme“ verschwanden, sodass die Zeit mit dem Kind nicht mehr verknüpft ist mit dem ganzen Beziehungskirmes? Ich könnte mir vorstellen, dass es mir so ergehen würde. So von Kerl zu Kerl.

  6. Vierglück sagt:

    50/50 erst nach der Trennung ist doch ein überaus erstrebenswerter Lebensentwurf: Zuerst überlässt man der Frau die Arbeit, weil die Kinder klein sind und die Betreuung anstrengend ist. Man weigert sich intensiv, sich paritätisch an der Betreuung zu beteiligen, egal, wie viel und wie oft die Frau darum bittet. Man weigert sich so lange, bis die Frau geht. Dann hat man mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Man muss sich in den anstrengenden Zeiten nicht an der Betreuung beteiligen, kann gemütlich seine eigenen Bedürfnisse befriedigen. Später hat man seine Ruhe, weil die Frau endlich gegangen ist, und am Ende hat man für die Trennung auch noch eine Schuldige! Ich finde, so ein Lebensentwurf ist wirklich total gewinnbringend. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich es auch so anstellen.

    • jongleurin sagt:

      Die Betreuung hat man dann schon noch an der Backe… aber ich sehe deinen Punkt. Der ärgerliche Rest entfällt. Außerdem wird man als Super-Papa so richtig doll gefeiert, vor einer Trennung ist das ja gar nicht so gut nach außen sichtbar. So gesehen ist es tatsächlich ganz praktisch.

  7. Sehr schöner Beitrag! Fast 12 Jahre so erlebt… aber er tut doch… er kümmert sich doch… er muss doch arbeiten… der gewöhnliche blöde Sack…. und plötzlich ist er der Vorzeigedaddy… am Wochenende. Aber meine Kinder durchschauen das Spiel schon…

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