Fotoshootings und ihre Folgen – ein Protokoll

Wie das manchmal so ist… kaum macht man „Nur mal so“-Bewerbungsfotos, ist man mitten in einer Bewerbungsrunde.

Ich bekomme des Wöchentlichen einen polit-Szene-Newsletter, der auch Polit-Jobs an die Lesenden bringen möchte. Diese sind fast ausschließlich in Berlin und damit nicht würdig, sich auf diese zu bewerben, denn: In Berlin hatte ich schon den besten Job, den man dort haben kann. Das einzige, das mich langsam nervte: ich pendelte zu viel. 287 Kilometer pro Strecke, im Schnitt 5 Fahrten pro Woche. Ja, anstrengend, unflexibel, aber machbar.

Der Bahnstreik in Kombination mit dem Kita-Streik war für mich der Auslöser, über diese Situation nachzudenken (nachdem ich das Heulen, Zähneklappern, Fluchen und Kreischen überwunden hatte. Das war wirklich der Worst Case). Ein Umzug kam nicht in die Tüte, und hey – ich habe mich schon seit zwei Jahren nirgendwo mehr beworben, und das als Geisteswissenschaftlerin! So ja nun nicht. Das sind ja Zustände wie im Öffentlichen Dienst. Ich muss auf Trab bleiben. Daher zögerte ich kaum, als ich im eingangs erwähnten Newsletter eine Anzeige für die politische Kommunikation (sprich: Lobby-Arbeit) in einem irre großen Unternehmen in meiner Stadt fand. Ich rechnete mir zwar keine Chancen aus, erfüllte aber alle Anforderungen – branchenspezifische Kenntnisse wurden nicht gefordert – und sah dies als willkommenen Anlass, meine Bewerbungs-.Unterlagen zu aktualisieren. Ein freches Anschreiben – man hat ja nichts zu verlieren -, eine unfassbar nervige Ausfüll-Orgie des hauseigenen Bewerbungsportals und dann das Abschicken all dieser Daten nochmals im pdf-Format (why??? Warum??? Pourquoi??? Wie doof und sinnlos! Mal sehen, ob die Angaben im scroll-down-Menü „ein Kind“ und „ledig“ zur sofortigen Weiterleitung meiner Bewerbung in den virtuellen Papierkorb führen), und stolz wie Omme saß ich bewerbungstechnisch wieder fit vor meinem Rechner. Uh, Bewerbung in der freien Wirtschaft! Wenn ich da eingeladen werde, bin ich voll gut.

Um die Spannung in Grenzen zu halten: ich bekam eine Absage.

Zwei Tage später schlug mir xing einen weiteren Job in meiner Stadt vor. Wieder nicht mein Fachgebiet, aber das war auch wieder nicht Voraussetzung, dafür bei einem Verband, der thematisch sehr sympathisch ist, extrem zentral liegt (ja, das ist mir gerade wichtig, so ein kurzer Anfahrtsweg) und nur 30 Stunden Wochenarbeitszeit fordert. Och, dachte ich, ich bin ja gerade so in Schwung, da bewerbe ich mich mal. Ein etwas netteres Anschreiben mit einem kleineren Gehaltswunsch, und tada! lief noch eine Bewerbung. Auch hier: eine Absage.

Verstehe ich ja – ein Manko bei dieser politischen Kommunikation in meiner Stadt ist natürlich, dass ich hier wenig politische Kontakte habe. Ja, in Berlin, da kenne ich mich aus, aber nicht so sehr in der Hansestadt. Und das ist natürlich wichtig für solche Jobs, das weiß ich. Aber darauf zu warten, dass hier in der Hansestadt irgendwo in der politischen Landschaft wie etwa einer Fraktion oder in einer Behörde etwas frei wird, das kann es ja nicht sein. Also: versuchen kann man es ja mal. Ich konnte mit dem Ergebnis leben, vor allem, weil da noch eine Bewerbung lief:

Denn einige Tage nach der zweiten Bewerbung schickte mir ein Kollege eine Stellenanzeige. Bei einem Bundestagsabgeordneten wurde jemand zur wissenschaftlichen Mitarbeit gesucht, im Wahlkreisbüro in meiner Stadt, 30 Stunden pro Woche, sehr ordentlich bezahlt. Meine Güte, Schlag auf Schlag! Ich geriet ins Grübeln. Würde ich mich bewerben, wäre dies recht aussichtsreich, ich sollte es also ernst meinen. Mein aktueller Chef müsste informiert werden, er kennt den fraglichen Abgeordneten gut und sollte es daher als Erster wissen. Ich finde das sowieso angebracht – ich weiß allerdings auch, dass er dabei sehr fair ist. Auch die Büromitbewohnerin, mit der ich mir die Stelle teile, sollte ins Vertrauen gezogen werden. Eine „Einfach mal so“-Bewerbung wäre das eben nicht.

Die wesentlichen zu klärenden Fragen für meinen inneren Prozess: halte ich diesen Abstieg in der internen Referentinnenhierarchie aus (denn in dieser ist meine jetzige Stelle definitiv ziemlich Gold)? Will ich hauptsächlich Büroorganisation machen? Werde ich reuevoll weinend sehnsüchtig an Bundesgesetzgebungsverfahren zurück denken, die nun ohne mich statt fänden? Werde ich die Sitzungen mit Ministerinnen und Ministern vermissen? Die glamouröseste Zeit meines Lebens wäre vorbei. (Ich gebe zu, mein Verständnis von Glamour wirkt vereinzelt exotisch. Aber ich steh auf dieses Politik-Bling-Bling!)

Viele Gespräche mit Vertrauten und einige verspätete Zugfahrten später, welche mir die Entscheidung deutlich vereinfachten, informierte ich meinen Chef. Er war entspannt: „Ich lege ein gutes Wort für dich ein, aber ich freue mich auch, wenn es nichts wird!“ Der Mann hat es drauf. Die Bewerbung wurde abgeschickt, der Bewerbungsprozess begann. Mein gesamtes eingeweihtes Umfeld zweifelte keine Sekunde, dass ich die Stelle bekäme, was eine etwas anstrengende Zeit war, weil ich versuchte, nicht zu konkret zu hoffen. Ich schaffte es, nur ganz selten schon die Sportangebote für den Feierabend zu checken, mir nicht besonders oft vorzustellen, was ich mit der ganzen freien Zeit täte und nur ganz wenig emotionale Abschiedsarbeit vom Bundestag zu machen. Und es fühlte sich nach den ersten Unwohlheiten dabei immer fantastischer an.

Zum Glück bekam ich die Stelle. Hätte ich sie nicht bekommen, das wurde mir in dem Prozess klar, wäre ich aktiv geworden und hätte meine paar Kontakte in der Hansestadt bemüht, um eine Stelle vor Ort zu finden. Denn es wurde mir ganz deutlich: mit dem Pendeln war ich fertig. Ich weiß und wusste genau, was ich aufgeben würde: ein tolles Team, viel Freude bei der Arbeit, die beste Büromitbewohnerin, ein fancy Arbeitsumfeld mit dem Gefühl, richtig sinnvolle Dinge zu tun, Politprominenz, Regierungsgeschäfte, ein bisschen Herzensstadt Berlin in meinem Leben… es war mir sehr schnell egal, wenn ich dafür mehr Zeit und mehr Flexibilität bekam.

Dieser Stellenwechsel ist kein direkter Karriereschritt, aber ein sehr sinnvoller Schritt für mein Arbeitsleben, und finanziell verschlechtere ich mich nicht, daher gewinne ich unter dem Strich. Ich bin nun komplett in meiner Stadt angekommen. Eine ganz wichtige Zwischenetappe ist geschafft, und die Zeit in Berlin wird mir immer in toller Erinnerung bleiben. Es ist okay, dass sie vorbei ist, und ich bin froh, dass ich sie hatte – nicht nur für meinen Lebenslauf.

Die einzige Frage, die bleibt – was mache ich jetzt mit diesen sündhaft teuren Bewerbungsfotos?

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