Die Gefahren des Hausfrauen-Daseins

In letzter Zeit stoße ich vermehrt auf Artikel, die Suchtprobleme, psychische Krankheiten oder Burn-Outs bei Müttern und Hausfrauen behandeln. Und zwar geht es hier nicht (nur) um Frauen in Doppelbelastung von Beruf und Familie, sondern um „Nur“-Hausfrauen.

Ich lese diese Artikel mit großem Interesse, weil ich schon seit meiner Studienzeit durch Erzählungen im Freundeskreis festgestellt habe: Mütter in der Generation meiner Eltern, so auch meine Mutter, die sich ihr Leben lang ausschließlich um Haushalt und Kinder gekümmert hatten, waren auffällig häufig psychisch krank. Viele hatten ein Suchtproblem oder waren in irgendeiner Form von psychischer Behandlung. Das muss statistisch nichts bedeuten, vielleicht neige ich auch einfach dazu, Freunde von psychisch auffälligen Müttern zu haben, weil diese Menschen mir durch die ähnliche Erfahrung ähnlich sind. Bemerkenswert finde ich es trotzdem.

Ich mag nicht ausschließen, dass viele dieser Mütter schon anders belastet waren, als sie sich entschlossen, Kinder zu bekommen und zu Hause geblieben sind. Zu Hause bleiben trägt aber anscheinend in vielen Fällen nicht zur Besserung irgendwelcher Probleme bei. Einen kleinen Vorgeschmack von dieser Dynamik bekam ich in der Elternzeit mit der Krabbe – es gab wenige Zeiten in meinem Leben, in denen ich so unzufrieden war, und ich merkte, wie es mir aufs Gemüt schlug. Alle Warnglocken gingen bei mir an. Man weiß es ja, psychische Unregelmäßigkeiten setzen sich über die Generationen innerhalb einer Familie oft fort, und ich bin da lieber vor- als nachsichtig.

Mutter sein, Familie haben, Kinder bekommen und großziehen und sich um nichts anderes kümmern ist nicht nur idyllisch und schön und komplett erfüllend. Viele, vor allem Frauen und damit dann auch der Rest der Familie und hier in erster Linie die Kinder, zahlen einen hohen Preis dafür: die psychische Gesundheit der Person, die zu Hause bleibt. Aus persönlicher Sicht erscheint es mir auch logisch. Ich bin zum Beispiel einfach keine Hausfrau, die Aufgaben sagen mir nicht zu. Ich mache wenig im Haushalt, und wenn ich es tue, langweilt und nervt es mich. Es ist in keinster Form ein Job – für einen Job bekäme ich Geld – es ist einfach nur ein blöder und lästiger Teil des Privatlebens, und ich habe weder Lust noch Energie, es mir schön zu reden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es nicht unheimlich vielen Frauen so geht, und dennoch machen viele Frauen es hauptberuflich, wenn die Kinder da sind. Logischerweise muss das psychisch belastend sein! Ich meine: jeden Tag staubsaugen, eine Aufgabe, die niemanden interessiert, niemanden nützt, die niemand nachfragt und die niemand bezahlt, für die man keine Qualifikation braucht – das würde auch Sysiphos an den Rand des Stoizismus bringen. Der konnte sich immerhin stark fühlen beim Rollen des Steines, und er konnte sicher sein, dass wenigstens später von ihm gesprochen wurde.

Kinderbetreuung ist da die spaßigere Aufgabe der Hausfrauen, zumindest in den schönen Momenten. In den anstrengenden Phasen ist es reine Maloche, ohne Pause, ohne den Hauch einer intellektuellen Herausforderung, und wenn man unglücklicherweise kein funktionierendes Netzwerk hat, hat man auch keine KollegInnen – Einsamkeit ist die Folge. Von mangelnder Anerkennung und einer geringer werdenden Basis mit dem Beziehungspartner, der in einer komplett anderen Welt lebt, ganz zu schweigen, von Autonomie und den eigenen Bedürfnissen, die man ignorieren muss – bei all diesen Belastungen ist die finanzielle Abhängigkeit fast nur noch ein i-Tüpfelchen. Allerdings ein entscheidendes, wenn die psychische Belastung zur Trennung vom Hauptverdienenden führt. Auch hier: Betreuung der eigenen Kinder ist kein Job. Das ist Privatleben.

Ich behaupte, dass die meisten Menschen für das Privatleben alleine einfach nicht taugen. Der Mensch will raus, der Mensch will in Kontakt, der Mensch will gesehen werden. Sonst wird der Mensch schneller krank, und so geht es vielen, vielen Hausfrauen. Ich weiß aus Sicht des Kindes, wie schrecklich das ist. Daraus zog ich meine persönliche Lehre: ich ging arbeiten, und ich wusste immer, dass ich damit nicht aufhören werde, wenn ich ein Kind habe. Warum auch? Ich arbeite gerne, und ich hatte immer das Gefühl, dass die arbeitenden Leute das schönere Leben und sehr viel bessere Laune hatten. Dafür brauche ich auch keinen tollen Job, das Call Center etwa hat meine Bedürfnisse an die Arbeitswelt – Kolleginnen, eine Tagesstruktur, etwas eigenes Geld, zu Hause etwas zu erzählen haben – auch schon hervorragend erfüllt, die eher stupide Arbeit störte mich nicht weiter.

Die aktuellen Artikel bestätigen mich in dem Gedanken, dass es nicht nur die Doppelbelastung ist, die Mütter krank machen kann. Die Doppelbelastung ist nur einfach sichtbarer, greifbarer und anerkannter und damit eben auch besser erforscht. Hausfrauen sind nicht sichtbar, weder in der Gesellschaft noch in der Forschung. Das ändert sich jetzt langsam, und es wird immer mehr bestätigt, was ich schon seit meiner Jugend vermute: die Einfachbelastung der Hausfrauen kann sie in seelische Abgründe treiben. Da hat sich seit der Generation meiner Eltern nicht viel geändert. Aber immerhin publiziert man nun darüber.

Advertisements

7 Kommentare zu “Die Gefahren des Hausfrauen-Daseins

  1. Danke, liebe Jongleurin, für diesen tollen Artikel, der mir aus der Seele spricht. Worte, die von mir sein könnten! Sicher gibt es Frauen, für die GENAU DAS die Erfüllung ist (vielleicht, weil es deren Job, oder Gelderwerb eben nicht war), aber für uns ist das nicht so. Und ich bin froh, dass ich damit nicht alleine da stehe. Bei aller Liebe zu meinem zwei entzückenden Kindern, aber das nimmt mir etwas das Schuldgefühl. Ich habe gerade ein paar Artikel „in der Mache“ und würde dann gerne Deinen Beitrag zitieren, wenn ich darf. Liebe Grüße!

  2. Mir ging es ganz genau so in der Elternzeit. Schreckliche, dumpfe Monate. Klar war vieles schön, aber so insgesamt sind mir wohl doch zwei Drittel meiner Hirnzellen abgestorben. Begriffen, dass es doch kein abartiger Fehler war, ein Kind zu bekommen, habe ich erst, als ich wieder gearbeitet habe. Inzwischen ist alles herrlich. Aber ein zweites Kind bekommen wir nicht. Ich pack das nicht noch mal. Und ich WILL es auch einfach nicht.

    Liebe Grüße
    Maike

  3. Jürgen sagt:

    Das war ja nun mal ein gänzlich neuer Aspekt. Denk ich drüber nach.

    Allerdings warendie früheren Vorvorgenerationsmütter – meist Komplett-Hausfrauen nun nicht überproportional psyschisch krank – sondern hatten einfach eine andere Lebenswelt im Focus. (Guck Dir deine Uroma an)

    Zu vergleichen wäre auch – ein Vorschlag an praktizierende Soziologen – die psyschische Konstitution von französchen Müttern (schon lange überwiegend arbeitend) gegenüber deutschen Müttern, die jetzt erst aufwachen, oder Ost- gegen Westdeutsche, die auch unterschiedliche Alltäge hatten.

    • jongleurin sagt:

      Das stimmt alles! Ich gehe jetzt mal nur auf die Vorgenerationen ein, weil ich das zufällig weiß: das waren meistens keine Komplett-Hausfrauen, sondern haben beim Gewerbe des Mannes mitgeholfen. Deshalb hatten sie das Problem nicht im selben Umfang. Sie haben zwar kein Geld bekommen, waren aber außerhäusig aktiv. Das „richtige“ Hausfrauendasein“ kam erst nach dem zweiten Weltkrieg auf.

  4. gitte sagt:

    hallo, ich war 30 jahre hausfrau und mutter. es kommt immer darauf an, was man daraus macht. ich bin weder seelisch krank noch ungebildet. heute an meiner schwiegertochter sehe ich täglich, wie gut es mir ging. ein rennen und jagen ohne pause den ganzen tag, ständig fremdbestimmt, das ist ihr leben. es sollte jeder so machen können, wie es ihm gefällt. keine meiner nicht berufstätigen freundinnen waren je in kuren. heute müssen schon so viele frauen in mu-ki kuren fahren. alles im leben hat zwei seiten. ihr blog ist übrigens super. ich bin zufällig drauf gestoßen.
    liebe grüße
    gitte

    • jongleurin sagt:

      Hallo Gitte, danke für deinen Kommentar! Natürlich gibt es auch Menschen, für die das komplett das Richtige ist. Ich habe es eben in meinem Umfeld wenig mitbekommen und mir dazu einmal meine Gedanken gemacht. Die Vereinbarkeit ist auch stressig, da haben Sie recht – für mich ist dieser Stress aber „besser“. Deshalb hatte ich mich auf diese Seite der Medaille konzentriert und die positive Seite des Hausfrauen-Daseins nicht weiter berücksichtigt. Gut, dass Sie ergänzen!
      Und danke für das Komplient 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s