Flüchtlinge – auch hier

Es widerstrebt mir etwas, auf den „Ich blogge für Flüchtlinge“-Zug aufzuspringen. Sehkrank im Matrosenpulli trifft es ganz gut: man macht das gerade, weil alle es machen, das möchte ich nicht. Natürlich ist mir klar, dass das der Sinn dieser Aktion ist – möglichst viele machen mit – aber ich habe eben so meine Probleme mit Hypes, Moden und nun auch Aktionen. Fragt mich nicht – ich weiß nicht, warum. Zudem habe ich nicht allzuviel zu bloggen. Ich engagiere mich nicht, außer dass ich bei jedem Drogerie-Einkauf Hygieneprodukte oder Babynahrung in die Sammelkiste für Flüchtlinge stelle.

Eventuell ändert sich das bald, wenn die Flüchtlingsunterkunft in 150 Meter Luftlinie bezogen wird. Ich gebe zu, dass mich das ein wenig unbehaglich macht – werde ich das spüren, dass da auf einmal 300 teils traumatisierte Menschen in meiner Nachbarschaft leben? Und wenn ja, wie wird das aussehen? Aber gerade deshalb will ich auch vor Ort sein, ich will mir ein Bild machen und mithelfen, zumindest punktuell. Ein weiteres regelmäßiges Ehrenamt bekomme ich gerade nicht hin – aber ich könnte mein jetziges Ehrenamt beim Stadtteil-online-Magazin benutzen, um über die Situation im Stadtteil zu schreiben.

Die ist nämlich etwas angespannt, zumindest online. Offline bewege ich mich in meiner Filterblase, in der das Flüchtlingsthema eher auf der „pro“-Seite diskutiert wird. Akademikerinnen, die gute Jobs haben und die in der schönen Ecke des Stadtteils wohnen, die sich teilweise engagieren und zumindest offen sind. Aber das sind nicht die einzigen Menschen hier. Mein Stadtteil ist arm, mit einer enorm hohen Arbeitslosen- und Ausländerquote. Da er dünn besiedelt ist (die vielen Industriegebiete machen eine dichte Besiedlung unmöglich), werden hier sehr viele Flüchtlinge untergebracht, die nun auf sehr viele bereits etablierte Hartz-IV-Empfängerinnen treffen, die anscheinend keine Lust haben, dass ihnen andere Menschen aus anderen Ländern beim Hartz-IV-empfangen Gesellschaft leisten, mit ihnen in Konkurrenz um die Niedriglohnjobs treten oder die Masse der Bewerbungen um die Sozialwohnungen vergrößern. Auf facebook in einer Stadtteil-Flohmarktgruppe werden Ressentiments genau mit diesen Argumenten geschürt, unter Klarnamen, man kann es kaum glauben. Zum Glück wird von anderen gegen gehalten, und das ist letztendlich der Grund, warum ich hier schreibe. Auch wenn es nicht die Schürer lesen werden, ich will nicht still bleiben und zusehen.

Es ist einfach so dumm. Ich verstehe die Parolen nicht. Niemanden wird durch Flüchtlinge etwas weggenommen. Flüchtlinge bekommen nichts, was „Staatsbürger“ nicht auch bekommen. Wenn ich das lese…! „Für Flüchtlinge werden Reihenhäuser gebaut, und ich suche schon seit Jahren nach einer größeren Wohnung, das geht doch nicht…“ Dummbratzen, Flachwichser, Hirnamputierte. Ja, auch Pack – ich habe meine Probleme mit Sigmar Gabriel, aber hier mal gar nicht, hier klatsche ich laut und rufe Bravo. Ich bin wirklich wütend. Ist mir auch scheißegal, ob diese Menschen zu wenig Bildung haben, um die Zusammenhänge zu verstehen: dann sollen sie sich diese Bildung holen, diese denkfaulen Spacken. Als ob die Flüchtlinge als erste eine schicke 80qm-Wohnung für drei Leute angeboten bekämen. Mei, dann such dir einen Job, wenn du bessere Chancen auf dem Wohnungsmarkt willst. Den können die Flüchtlinge dir gar nicht wegnehmen, weil sie nicht arbeiten dürfen.

Und übrigens: selbst wenn sie wegen Armut flüchten, finde ich das völlig okay. So war es schon immer, der Mensch geht dorthin, wo er überleben kann. Sonst gäbe es die Menschen nicht mehr.

Und noch ein übrigens: Es ist mir auch wumpe, ob das eine Chance für Deutschland ist. Es ist unsere Pflicht. Unser Reichtum basiert darauf, dass andere Länder ärmer sind, und nun müssen wir die Konsquenzen tragen. Denn die Zeiten des hemmungslosen Kolonialismus sind nun mal vorbei, inzwischen ist es für alle möglich, Europa zu erreichen.

Sie kommen. Sie werden nicht damit aufhören. Wir müssen sie aufnehmen, wir müssen mit ihnen zusammenwachsen, wir müssen viele werde und mehr als nur „Deutsche“. Wir müssen sie in unsere Schulen schicken, mit den Kindern des Packs auf einer Schulbank, wir müssen sie alle bilden und fördern, was zu fördern so da ist. Das ist unsere Verantwortung, das ist unsere Hoffnung, und das kriegen wir auch hin. Die Festung Europa ist Vergangenheit.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

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