Die zwei Welten: Das Wechselmodell im Alltag

Greta von greatunddasleben, die ebenfalls mit iher Familie das Wechselmodell lebt, hat einen sehr interessanten Gedanken aufgeworfen: wenn man im Wechselmodell lebt, hat nicht nur das betroffene Kind zwei unterschiedliche Lebensräume und Alltagswelten, auch den Elternteilen geht es so. Das hat mich zu diesem Beitrag angeregt, in dem von meinen zwei Lebensräumen erzählen möchte. Hier soll es jetzt nur über meine Eltern-Sicht gehen, über die Krabbe schreibe ich gegebenenfalls ein anderes Mal.

Bei uns ist das mit dem Wechselmodell so geregelt: Sonntag Abend bis Dienstag oder Mittwoch Abend (abhängig von meinem Arbeitseinsatz in Berlin, der wiederum von den Sitzungswochen des Bundestages abhängt) ist die Krabbe beim Papa. Den Rest der Woche ist sie bei mir und D., und am Wochenende wechseln wir uns ab. Der Papa fährt oft lange Zeit weg, mal mit und mal ohne Krabbe, so dass es da über das Jahr verteilt zu etwa 3 längeren Zeitabschnitten von 4-6 Wochen kommt, in denen es keine Wechsel gibt. Insgesamt kommt es ziemlich genau hälftig hin: der Papa und ich betreuen die Krabbe zu jeweils 50%.

Diese Lebensgestaltung ist durchaus oft anstrengend. Klar, ich habe kinderfreie Phasen und empfinde das oft als Privileg. Aber die Arbeits- und Freizeitgestaltung muss immer mit Blick auf den Kalender vorgenommen werden: ist man gerade Elter, oder ist man an dem fraglichen Tag Individuum? Und wo man denken würde, dass nur die Tage mit Kind einschränken, liegt man falsch: will man sich mit anderen Eltern und deren Kindern verabreden, geht das eben auch nur an bestimmten Tagen. Mein Vater präferiert ebenso eindeutig Termine, an denen die Krabbe da ist, sowieso die ganze Familie – abgesehen von Schwester 2, die ebenfalls im Wechselmodell lebt. Mit ihr einen Termin zu finden, grenzt an Wahnsinn. Denn flexibel ist zumindest mein Wechselmodell nur sehr eingeschränkt, ich frage den Papa ungern, ob er mal eben einen Abend übernimmt. Ebenso ungern lasse ich mir von ihm einen spontanen Abend aufdrücken, immerhin sind die kindfreien Abende oft verplant.

Die Organisation der Freizeitgestaltung ist aber nicht das einzige Problem. Auch emotional ist es anstrengend: Das Lebensgefühl ist einfach ein anderes, wenn man ein paar Tage ohne Kind verbringt. Ich bin weniger Mutter und mehr bei mir, zumindest im besten Falle – in anderen Phasen ist es so, dass ich ungeheuer viel in die kindfreien Tage quetsche und noch viel weniger zur Ruhe komme, als wenn die Krabbe bei uns wohnt. Seien es Überstunden, Putzen, einkaufen, Termine machen, Beziehung pflegen, Sport etc. Ist sie nicht da,gehe ich essen, ich kaufe nach Lust und Laune ein, ich fahre nach Berlin und arbeite – es ist eben so, wie man ohne Kind so lebt. Das ist durchaus schön, und ich vermisse sie kaum in dieser Zeit. Manchmal bin ich aber auch etwas ausgelaugt nach so einer Phase.

Dafür kann ich die Tage mit ihr dann besser genießen, kann die wenigen noch übrigen Pflichten vernachlässigen und eine hervorragend entspannte Mutter sein. Wenn die Krabbe da ist, steht abends um halb sieben das Essen auf dem Tisch, ich hänge viel mit ihr im Innenhof herum, ich kaufe groß ein und andere Dinge als sonst, ich kuschele mit ihr auf dem Bett, ich gebe mich der kitabedingten Tagesstruktur hin, ich gehe recht früh ins Bett und lasse Kindermusik laufen. Ich habe frei an diesen Tagen und muss nicht arbeiten. Das ist schön. Meistens. Andererseits bin ich oft dünnhäutig, gerade nach sehr intensiven kindfreien Tagen. Wenn die Krabbe dann ihre 5 Minuten hat, werde ich schnell gereizt. Ich stöhne innerlich beim halbstündigen Händchenhalten beim Ins-Bett-bringen. Ich bin ungeduldig, meine Welt erscheint mir ab und an sehr eng. Auch hier bin ich manchmal etwas ausgelaugt – aber ganz anders als nach einer kinderfreien Zeit.

Diese Dualität ist anstregend, alle paar Tage wechsele ich zwischen zwei sehr verschiedenen Belastungen. Das bringt mich manchmal ins Grübeln. Wäre ich geduldiger (wobei ich mich für meine Verhältnisse enorm geduldig mit der Krabbe finde) oder zumindest mehr an ihr Tempo und an ihre Welt gewöhnt, wäre sie immer bei uns? Wäre die Eltern-Welt dann insgesamt weniger anstrengend? Bestimmt. Andererseits hätte ich insgesamt weniger Quality-Time mit ihr, da bin ich ziemlich sicher.

Der Wechsel selber von kindfrei zu Kind oder umgekehrt ist oft sehr hart, mit einer gewissen Verlorenheit behaftet, wenn die Krabbe zum Papa geht und mit leichter Verwunderung und einem „Umstellungs-Fail“, wenn ich auf einmal wieder dieses hüpfende Wesen bei mir habe und von hier auf jetzt wieder mit dem Kind denken muss. Diese Wechsel zwischen den Welten sind ganz und gar unversöhnlich und leicht schizophren. Meine beiden Leben bekomme ich schlecht unter einen emotionalen Hut, sie sind schlecht vereinbar. D. als mein Partner fällt das Ganze eventuell noch etwas schwerer, er hat weniger Einfluss auf die Verteilung der Kindertage, auf eventuelle Ausnahmen, er ist noch mehr Spielball. Dabei unternimmt er sehr gerne etwas mit der Krabbe, die beiden mögen sich und er vermisst sie fast noch mehr als ich, wenn sie weg ist; ihm wird der Wechsel im Gegensatz zu mir aber aufgezwungen, er hat sich nie dafür entschieden. Das ist wahrscheinlich noch etwas härter in der Gesamtheit der Situation als für mich.

Ich versuche seit einiger Zeit, diese Dualität für mich aufzuweichen. Das klappt besser, je größer die Krabbe wird und je mehr ich es für mich akzeptabel finde, zu delegieren, obwohl ich sie an meinen freien Tagen habe und sie gefühlt so wenig sehe. D. kann abends auf sie aufpassen und sie ins Bett bringen, so dass ich auch an den Krabbe-Tagen mal ins Kino gehen kann. Ich mache Familien-Treffen auch an meinen Krabbe-freien Tagen aus. Ich nötige meine Freunde ohne Kinder (falls nötigen nötig ist), mich mit der Krabbe zu treffen, und nehme die Krabbe mit zum Bouldern oder ins Cafe. Das ist auch auf eine bestimmte Art und Weise anstrengend und ich habe oft das Gefühl, dass ich das lieber an den krabbefreien Tagen tun soll, aber so fühlt es sich etwas flexibler an und nicht so sehr wie voneinander abgespaltene Welten. Im Prinzip versuche ich, sie mehr in MEIN Leben einzubeziehen, statt die Trennung so rigoros zu leben. Anders herum ist es schwieriger, denn für viele Dinge, die ich mit der Krabbe mache, gibt es ohne sie keinen Grund.

Ich glaube ja auch, dass das ein Ausdruck eines gesellschaftliches Manko ist, diese Trennung zwischen Leben mit und ohne Kind. Was ich jede Woche mache, machen Eltern auf enorm harte Weise mit der Geburt des ersten Kindes für erstaml immer mit: sie wechseln von einem Leben ohne Kind in ein Leben mit Kind. Die krasse Veränderung zwischen beiden Zuständen macht es jungen Eltern, meist den Müttern, so ungeheuer schwer, Teile ihres alten Lebens beizubehalten, die sie eigentlich gerne festhalten möchten. Man arrangiert sich mit dem neuen Leben, sicher; aber man integriert es nicht in das alte Leben. Kinder sind einfach kein Bestandteil der allgemeinen Alltags-Welt, wenn man selber keine hat. Das ist eigentlich erstaunlich.

Mein kleines Fazit zum Wechselmodell: Es zehrt. Es hat Vorteile, viele sogar – es hat aber auch Nachteile. Trotzdem würde ich es nicht anders machen wollen, weil die Krabbe beide Eltern haben soll. Und weil das Aller-, allerhärteste, was ich mir vorstellen kann, das Leben einer Alleinerziehenden ist.

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3 Kommentare zu “Die zwei Welten: Das Wechselmodell im Alltag

  1. kinder unlimited sagt:

    Ich glaube auch, dass Du das Leben mit Krabbe einfach mehr in Dein jetziges ohne Krabbe-Leben integrieren solltest (vice versa). Ich denke, es ist für dich emotional entspannender und auch fürs Kind und so wär auch der normale Alltag, wenn du sie immer hättest. Nur so eine Idee….vielleicht liege ich auch falsch !

    • jongleurin sagt:

      Ja, genau das ist der Plan. Ich tue es mir mit der Umsetzung noch etwas schwer, da es sich erstmal unbequemer anfühlt, aber auch mein Freund treibt das sehr voran. Mal sehen, was da noch geht…!

      • kinder unlimited sagt:

        Du scheinst einen tollen intelligenten Freund zu haben 😉 ich habe meine kids die ganze Woche über allein erzogen, das war deiner Situation ein wenig ähnlich….aber andererseits auch wieder nicht ! Deshalb meine Vorsicht !

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