Meine ambivalenten Gefühle für Paragraphen

Ich bin von Haus aus Soziologin. Wenn man so etwas studiert, ist es in etwa so, als würde man sich für eine Hausfrauenehe entscheiden: alle Menschen gucken etwas entgeistert, sagen Dinge wie „Aber das ist doch nicht sinnvoll, denk an deine Rente!“ oder „Ja, und was machst du dann damit, wenn du fertig bist?“ Man geht also vorauseilend dazu über, komplett begeistert über das eigene Fach zu sein, seine Entscheidung als postkapitalitisch einzuschätzen, viel über Selbstverwirklichung zu sprechen und vor allem traurig-wissend den Kopf zu schütteln über Menschen, die sich den Regeln des Arbeitsmarktes unterwerfen und so voll angepasst Jura oder BWL studieren. Diese geldgeilen Spacken!

Nun hatte ich in letzter Zeit viel zu tun. Der Grund war, dass am Quotengesetz im parlamentarischen Verfahren noch einiges verändert werden sollte, auf Bestreben der Fraktion des Koalitionspartners. Eine eigens eingesetzte Projektgruppe im Ministerium, hauptsächlich aus Juristinnen bestehend, die schon den Gesetzentwurf geschrieben hatte, widmete sich diesen Änderungen, koppelte diese mit der politischen Ebene im Ministerium zurück, änderte wieder etc. Bei einigen dieser Rückkoppelungs-Sitzungen war ich dabei, und ich war wirklich fasziniert. Wie gründlich man sein muss! Die Systematik der Gesetze und des juristischen Handwerks bei einer Gesetzerstellung zu beobachten, war so dermaßen interessant, dass ich neidisch auf die Juristinnen des Frauenministeriums schielte. So ein spannender Job! Welche Folgen es zum Beispiel haben kann, wenn ein Halbsatz am Anfang oder am Ende eines Satzes hat, welche Wechselwirkungen sich zu anderen Gesetzen ergeben… für ein Bundesgesetz! Das betrifft hunderttausende, Millionen von Menschen. Da hat man eine Verantwortung beim Tüfteln, dass einem die Ohren schlackern, aber wenn man gründlich ist, kann nicht viel passieren. Abgesehen von unvorhersehbaren Folgewirkungen in Kombination mit anderen Gesetzen, aber irgendwas ist ja immer.

Zumindest konnte ich live beobachten, dass alles getan wurde, um solche Folgen zu verhindern. Ich fühlte mich schon privilegiert, bei solchen Sitzungen einfach dabei sein zu dürfen. Noch spannender war es dann, den Politikern der Fraktionen beim Verhandeln und Umkämpfen der Änderungen zusehen zu können. Die „Fachebene“ des Ministeriums war jeweils dabei, um die einzelnen Paragraphen und die Argumente zu erklären. In diesem Moment wollte ich un-be-dingt Juristin im Ministerium werden, wenn ich groß bin. Klar, Kreativität wird da nicht gefordert oder nur in sehr engen Rahmen, aber hallo, ich bin Stier, die sind so. Stiere mögen Rahmen und Strukturen. Stiere sind Beamtenseelen. Dann fiel mir ein, dass ich schon groß bin, das Jura-Studium wegen einer gewissen Kiffer-Punker-EMMAseligen Atmosphäre im Elternhaus nie eine Option war und mein Job sowieso der beste ist.

Also dann, Memo an mich für mein nächstes Leben: Jura studieren, ins Ministerium gehen und Gesetze schreiben. Das wird super.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

2 Kommentare zu “Meine ambivalenten Gefühle für Paragraphen

  1. Also Kiffer-Punker-Emma-seliges Elternhaus: Protest.
    War viel mehr. Und selig auch nicht. Aber gut.
    meint Vadda Jürgen

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