Karriere? Was man halt so nennt…

Die Semantik, der man sich als Elternteil so ausgesetzt fühlt, ist in Bezug auf das Arbeitsleben ganz interessant. Meist wird von „Karriere“ gesprochen und der Vereinbarkeit derselben mit der Familie. Ich persönlich fühle mich davon nicht angesprochen – jetzt mögen einige entsetzt aufstöhnen und rufen: „Typisch Frau, will keine Führungsposition, kein Wunder, dass sie in Altersarmut darben wird! Der 450-Euro-Job ist nur noch einen Schritt entfernt!“ Interessanterweise werden die vielen Abstufungen zwischen Karriere und Armut vergessen, und ich behaupte, dass diese auf sehr viele Menschen zutreffen und diese immer mehr werden, ganz geschlechts- und familienstandunabhängig. Ich kenne exakt niemanden, der Karriere machen will und so richtig etwas dafür tut (natürlich liegt das an meinem persönlichen Umfeld, aber ich ziehe es trotz aller Subjektivität als Bezugspunkt heran). Alle wollen sich ernähren und schaffen das mehr oder weniger gut, und wenn man etwas Glück hat und an einer Stelle landet, an der man lange genug bleibt, um sich zu entwickeln, hat man irgendwann einen etwas besseren Job, sei es besser bezahlt oder mit schöneren Aufgaben. Oder man erwischt mit der nächsten Bewerbungsrunde einen solchen Job. Ist das dann schon Karierre? Ich weiß es nicht, würde aber erst mal sagen: nein. Das ist Arbeitsleben, sonst nichts.

Und damit lassen sich Kinder oder das sonstige Leben vielleicht sogar ganz gut vereinbaren. Nur: das wird einem so nicht gesagt. Es wird nur vermittelt, dass es sehr, sehr schwer wird, dass man Angst haben muss, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und ganz einfach ist es auch nicht, man muss Entscheidungen gegen die gesellschaftlichen Strukturen treffen, man muss sich des Öfteren erklären, mehr Aufwand betreiben und mehr Risiken eingehen. Aber es geht, und es geht ganz gut. Wenn man mit einer gewissen Unambitioniertheit im Arbeitsleben steckt, ein Einkommen erzielt, mit dem das ALG1 im Notfall auch irgendwie ausreichen würde, man nicht jeden Tag erst um 18 Uhr nach Hause kommt und davon sogar zwei Leute pro Eltern hat, dann passt das schon. Natürlich ist mir klar, dass das nicht in allen Jobs geht, aber doch in erstaunlich vielen, zumindest den Angestellten – und ich wage zu behaupten, dass es in noch mehr Jobs gehen würde, wenn man einfach nur mal fragen würde. Gerade dann, wenn ein Mann fragt. Auch klar: mit befristeten Verträgen ist das eine Nummer härter, das weiß ich aus persönlicher wie aus beruflicher Sicht. Aber ich habe mich sehenden Auges da hinein geworfen, ich wusste, das die Bewerbungsphase mit Baby nicht schöner wird, der Druck höher sein wird – aber auch, dass ich mit kurzer Elternzeit und etwas Glück früher oder später etwas finden werde. Aber auch nur, weil ich schon 5 Jahre im Arbeitsleben stand – direkt nach dem Studium hätte ich mich einfach nicht getraut. Und schon gar nicht mit einem Mann, der Karriere machen will und viel arbeitet. Da ist mir alles andere lieber: Langzeitstudenten, Arbeitslose, 450-Euro-Jobber, alles egal: so lange er mit leuchtenden Augen dasteht und ruft: Kinder, her mit denen! Ich zieh sie auf! Du darfst auch mitmachen, Weib, aber ich habe voll Bock!, stelle ich meine Eierstöcke gerne zur Verfügung. Das ist jetzt natürlich vor Kurzem als Beziehungsmodell bei mir grandios schief gegangen, aber DAS war nicht der Grund, und ich würde es wieder so machen.

Und, um wieder einmal mein Umfeld zu bemühen: fast alle leben so oder Ähnlich. So richtig traditionell, Mann arbeitet voll, Frau Teilzeit und macht die Kinder, das sehe ich nur selten.

Das Partnerschaftliche ist anstrengend, es ist ökonomisch nicht sinnvoll, es macht das Paarleben sicher schwieriger – aber für alle Beteiligten ist die Balance Arbeit – Familie so besser, vor allem langfristig gesehen. Eine Trennung ist rein finanziell keine Kathastrophe für einen der Elternteile, beide können kompetent für das Kind sorgen, wenn der andere Part nicht da ist, und so werden Zwänge und Strukturen auf einer gewissen Ebene unwichtiger in der Beziehung. So habe ich nun den Luxus, dass der Papa sein Kind die Hälfte der Zeit betüdelt, in der ich also arbeiten, Freizeit gestalten und einfach Nicht-Mama sein kann. Auch das ist manchmal merkwürdig – wenn das Kind wochenlang fort ist, auf Surfurlaub mit dem Papa, verliere ich ein wenig das Gefühl zum Muttersein, ich werde wieder fast komplett zum Individuum. Die jeweiligen Wechsel zwischen den Phasen sind etwas vertrackt, aber wir schaffen es, diese sehr undramatisch zu gestalten: Jetzt bist du wieder bei mir, das ist sehr, sehr schön, und jetzt gibts deine Butternudeln und dann bald ins Bett. Da sitze ich dann abends wieder zu Hause und starre ein wenig die Wand an und muss mich wieder daran gewöhnen, dass das Kind nun dran ist, auch wenn es gerade schläft. Vielleicht wäre es einfacher, wenn es immer da wäre und ich mich einfach hauptsächlich daran orientieren könnte, aber andererseits genieße ich die Tage, an denen ich tun kann, was ich will, an denen ich einfach so rausgehen, mit D. im Bett herumlungern, mit den Mädels was trinken gehen kann. Und ich genieße die Zeit mit dem Kind genauso und sehr bewusst.

Für mich ist das arbeitsteilige ein sehr gutes Modell, eines, das auch als Leitbild taugen würde. In der jeweiligen Praxis kann das sehr anders aussehen. Aber diese Erfahrungen bringen mich dazu, den politischen Willen zu einem solchen Leitbild bringen zu wollen.

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4 Kommentare zu “Karriere? Was man halt so nennt…

  1. Greta sagt:

    Vieles von dem, was Du da schreibst, kann ich heftig bejahen. Für die Eltern ist das mit der Arbeitsteilung im Wechselmodell prima, trotz der emotional manchmal schwierigen Wechsel zwischen „Mutter“ und „Individuum“ entlastend und viele Möglichkeiten eröffnend. Aber mit dem Älterwerden der Kinder nehme ich es so wahr, dass es für sie zunehmend problematisch ist, immerzu die Umgebung und das „System“ (mit unterschiedlichen Regeln, Werten, Lebensphilosophien – so ganz ohne Grund hat man sich ja nicht getrennt) zu wechseln. Komme nach vier Jahren Wechselmodell immer mehr zu der Ansicht, das für die Kinder ein Modell mit beiden Eltern, aber doch EINEM echten über viele Jahre gelingen kann, hängt wohl ganz stark davon ab, ob die Eltern das Modell „miteinander“ gestalten und auch (sogar auf Kosten der eigenen Flexibilität) den Bedürfnissen ihrer Kinder anzupassen bereit sind. Finde das sehr anregend, von Deinen Erfahrungen zu lesen. Danke!

    • jongleurin sagt:

      Aus dem Urlaub zurück komme ich endlich zum Antworten… Ich überlege auch oft, wie lange das gut gehen kann, vor allem, wenn die Lebenswelten der beiden Elternteile sehr unterschiedlich sind. Ich komme aber oft nicht über den Punkt hinaus, dass es allen Beteiligten gegenüber unfair ist, wenn nur ein Elternteil den Alltag schultert – auch wenn das sogar in Paarfamilien meist der Alltag ist, für mich will ich das eigentlich nicht, und die Krabbe soll auch keinen Wochenend-Elternteil haben. Ich denke dann immer, die Wechsel beim Residenzmodell sind genauso anstregend wie beim Wechselmodell… ist aber nur so ein Gefühl und selbst wenn, bei jeder Familie sicherlich unterschiedlich. Wenn allerdings die Krabbe da deutliche Signale sendet, wäre das etwas anderes. Ich warte auch auf die Meilensteine, z.B. Einschulung der Krabbe, evtl. jobbedingte Ortswechsel, eine Familienerweiterung bei einem der Elternteile etc pp…
      Am liebsten wäre es mir, alle Beteiligten setzen sich einmal im Jahr zusammen und machen einen Realitätscheck. Das ist aber leider zur Zeit nicht drin.

      • Greta sagt:

        Du hast Recht – für eine echte Arbeitsteilung bietet das Wechselmodell schon die besten Voraussetzungen. Aber besonders Deine Idee mit dem „Realitätscheck“ gefällt mir. So was würde ich mir auch wünschen. Meine Kinder sind ja eigentlich alt genug, um dabei mit an den Tisch zu kommen und ihre Wünsche zu äußern… Also, wenn vorher beide Eltern klarmachen, dass die Eltern die Entscheidung treffen und dass es bei einem Wechselmodell bleiben soll, dass es also nicht darum geht, dass die Kinder sich für einen Elternteil entscheiden sollen oder dürfen – den Kindern dann zuzuhören und ihre Wünsche da mit einzubeziehen, würde ich schön finden.
        Dann würde ich das Modell auch viel lieber mittragen, glaube ich, und das würde den Kindern sicher auch guttun.
        Aber ob und wann sowas bei uns mal möglich ist? Werde wohl anfangen, ganz vorsichtig darauf hinzuarbeiten.

        Liebe Grüße und danke für den Austausch! Hoffe, Dein Urlaub war schön, komme gerade nicht groß zum Bloglesen…
        Greta

  2. Greta sagt:

    Oh, da ist mir ein Satzteil verlorengegangen: „Komme nach vier Jahren Wechselmodell immer mehr zu der Ansicht, dass für die Kinder ein Modell mit beiden Eltern, aber doch EINEM echten Lebensmittelpunkt besser ist. – Ob ein Wechselmodell über viele Jahre gelingen kann, hängt wohl ganz stark davon ab, ob die Eltern das Modell “miteinander” gestalten und auch (sogar auf Kosten der eigenen Flexibilität) den Bedürfnissen ihrer Kinder anzupassen bereit sind. Finde das sehr anregend, von Deinen Erfahrungen zu lesen. Danke!

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