Buch: Der Circle

Bild: Kiepenheuer&Witsch

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Ich lese unheimlich viel. Im Zug beim Pendeln, abends vor dem Einschlafen, auf einer Liege im Schwimmbad, im Sommer gerne draußen, inzwischen auch immer öfter, wenn die Krabbe spielt. Ich lese sehr schnell, es ist ein wenig binge-reading-mäßig, ich vergesse deshalb bei Krimis immer schnell den Mörder und kann sie nach einem Jahr genauso gefesselt nochmals lesen. (Das hat nur einmal nicht geklappt, ausgerechnet im Urlaub auf einer spanischen Insel in der Nebensaison, in der der einzige ausgewiesene deutsche Buchladen nicht geöffnet hatte: auf Seite 200 des 600 Seiten dicken Elizabeth-George-Krimis, den ich extra auf Englisch mitgenommen hatte, damit ich langsamer lese, fiel mir ein, wer der Mörder ist. Ich hatte es eindeutig versaut: es war mein einziges Buch. Danach las ich sehr viel im Reiseführer und entzückte die Mitreisenden mit Details über die Vulkane, an denen wir dauernd landschaftsbedingt vorbei fuhren).

Wichtig ist nur, dass ich Bücher an der Hand habe, deshalb sieht man mich oft in der Bücherei. Ich könnte mir dieses Hobby andernfalls nicht leisten. Ich hatte sehr schöne Flows in letzter Zeit, also Phasen mit mehreren guten Büchern hintereinander (mit gut meine ich: ich finde, die lassen sich gut lesen. Stephen King gehört dazu, Truman Capote, Tana French, George R.R. Martin, um einige der letzten Zeit zu nennen), und dann brauche ich etwa alle vier Tage ein neues Buch. Für Inspiration informiere ich mich gerne in Bestsellerlisten und Feuilletons und mache eine Liste in meinem Handy, damit ich in der Bücherei weiß, was ich mir ausliehen könnte. In meiner kleinen Stadtteil-Bücherei gibt es auch frappierend oft alles, was mich interessiert, unmittelbar verfügbar.

So stieß ich auf „Der Circle“, seit Wochen hoch und runter besprochen und in den Bestsellerlisten. Ich hatte eine vage Erinnerung daran, dass das voll total gesellschaftskritisch sei und ungefähr wie „1984“, freute mich und begann zu lesen. Die Freude nahm rasch ab, wenn sich das Buch auch gut weg lesen lässt: die Sprache ist für meinen Geschmack sehr unambitioniert und die Protagonistin so schrecklich naiv, dass ich zunächst ein Stilmittel vermutete. Oder zumindest die Einleitung für einen dollen Twist. Doch weit gefehlt: Mae arbeitet in der nahen Zukunft als Berufseinsteigerin bei der Firma „Circle“, ein universaler Internet-Konzern, der alle online-Dienste vereinigt hat und somit alle Menschen miteinander und der Wirtschaft vernetzt. Mae wird auf immer abstrusere Weisen genötigt, immer beklopptere Dinge für den Konzern zu tun, und macht das mit wirklicher Begeisterung, warum auch immer. Bisheriger Höhepunkt: sie trägt den ganzen Tag eine Mini-Kamera mit sich herum, das Ganze wird live an ihre Millionen Follower übertragen, aber sie wundert sich ein wenig, dass ihre Real-Life-Freunde auf einmal gar nicht mehr so richtig locker mit ihr reden wollen. Alle nur neidisch, vermutet Mae. (Und so jemand soll ein High Potential sein, also nee…) Ich bin jetzt auf Seite 437 von 557, und es wird einfach nicht besser, geschweige denn überhaupt anders oder überhaupt mal spannend. Der Circle denkt sich ständig irgendwelchen Scheiß aus, und alle applaudieren. That´s the story. Es ist öde. Und unwahrscheinlich.

Ich prüfte noch einmal die Kritiken des Buches, als die Krabbe einschlief und ich im Sessel neben ihrem Bett saß- immer eine schöne Gelegenheit zum Internet-surfen. Und eigentlich war meine Meinung weit verbreitet. Aber Juli Zeh, die ich sehr gerne lese, sieht das anders. Deutschlandradio Kultur schreibt dazu: Die Schriftstellerin Juli Zeh sieht in Dave Eggers‘ Roman „The Circle“ über die totale Überwachung einen „großen, wichtigen Beitrag“ zu einer gesellschaftlichen Debatte. Im Deutschlandradio Kultur sagte sie: „Wir müssen uns davor verbeugen und froh sein, dass es das Buch gibt. Jeder muss es lesen.“ Kritik an der literarischen Qualität nannte sie „ein bisschen Pinscher-Gekläff vor der Dogge“. Eggers habe schließlich einen Thriller schreiben wollen, kein „Vorzeigewerk der hohen Belletristik.“

Ich sage zu Frau Zeh: ich finde nicht, dass jeder ein Buch lesen muss, das an mangelnder literarischer Qualität leidet, bloss weil die Botschaft aktuell ist. Nö. Das versaut mir meine Leselust. Erzürnt formulierte ich einige Erwiderungen auf diese Behauptung: Literatur soll unterhalten und erregen, aber doch nicht über die Flachheit des Machwerks! Wenn es um Aktualität geht, liest man halt Zeitung! Dann fiel mir auf, dass Frau Zehs Botschaft sicher hintergründig eine andere war: sie wollte darauf verweisen, dass ihre zeitlosen Dreiecks-Psycho-Liebesgeschichten ohne einen großen, wichtigen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Debatte auskommen, weil sie – genau! – Vorzeigewerke der hohen Belletristik sind. Deshalb soll auch ein jeder „Der Circle“ lesen, um das erkennen zu können. Chapeau!

Ich sage: bitte nicht lesen. Lieber ein Buch von Juli Zeh.

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