Kino: Wild

Bild von 20th Century Fox

Bild von 20th Century Fox

Gestern war ich im Kino, mit gefühlt halb Hamburg gemeinsam. Ich weiß immer noch nicht, warum es nicht mehr Programm-Kinos hier gibt: als ich, fröhlich mit meinen vorab gekauften Tickets winkend, an der Schlange vorbeizog, reichte diese bis zur Straße. Und das war die Schlange, die darauf wartete, dass die Reservierungen aufgehoben wurden! Also die Verzweifelten! Die Kassenschlange reichte immerhin bis zum überdachten Eingangsbereich.

Nun denn: Wild mit Reese Witherspoon. Eine Frau mittleren Alters macht sich auf eine 3monatige Wanderung, um zu sich selbst zu finden. Das gelingt einigermaßen, was jetzt nicht überraschend ist: sonst wäre dies wohl kaum einen Film wert. Dennoch ist das das Einzige, was mich etwas an dem Film gestört hat, er ist ein wenig wie ein Biopic, und ich mag keine Biopics. Es fängt an einem klaren Anfang an, endet zu einem vorgesehenen Punkt und dazwischen passiert eben das Leben. Eine „Story“ ist das für mich nicht.

Dafür fand ich den Film überraschend gut. Nick Hornby hat das Drehbuch geschrieben, das hat offensichtlich mal gar nicht geschadet. Worum es geht: Cheryl zieht durch die menschenleeren USA, bepackt mit einem viel zu großen Rucksack, zu Beginn unfassbar langsam und sogar für die Zuschauenden entnervend rückschlagreich, immer wieder von Rückblenden aus ihrem Leben gequält. Irgendwann geht es besser voran, und zwar in jeder Hinsicht: sie begegnet Menschen, die ihr helfen oder sie ängstigen, ihr Leben zieht immer wieder bruchstückhaft an ihr vorbei und ergibt für die Zuschauerin irgendwann ein Großes Ganzes. Das Fazit: sie hat es ziemlich versaut, dieses Leben, und Ausgangspunkt war offensichtlich der Tod ihrer Mutter. Diese Mutter war so sehr ein toller Mensch, dass es für meinen Sentimentalitäts-Sensor fast etwas zu viel war, aber geschenkt: Dann war sie halt toll. Sie wurde jedenfalls toll gespielt von Laura Dern. Reese Witherspoon ist wie immer sehr herzig, auch wenn ihre Rolle nicht gerade den Preis für den tollsten Menschen der Welt erhalten würde, und sie spielt gerade so humorvoll, dass es noch glaubhaft ist für eine gebeutelte Frau  auf dem Tiefpunkt ihres Lebens.

Was sich mir nicht erschlossen hat: als Cheryl los läuft, ist sie offensichtlich nicht mehr heroinabhängig wie zuvor im Film ersichtlich, recht gut organisiert und ziemlich heiter-abgeklärt. Mir fehlte ein wenig der Zwischenschritt von ihrer Krise zu dem Start der Wanderung; aber verzeihbar war dieser Sprung allemal.

Insgesamt eine dicke Empfehlung – ein Feel-Good-Movie, der nicht zu leicht daher kommt. Der Bechdel-Test wurde überragend bestanden. Auch wenn Cheryl auf ihrer Reise fast nur Männer trifft: in ihrem Leben spielen viele Frauen eine große Rolle, mit denen sie in den Rückblenden spricht, über komplett andere Sachen als über Männer. Tragende Männerrollen gibt es in dem Film nicht, und sie haben nicht gefehlt. Ich fand es ungeheuer erfrischend, einen solchen Film aus Hollywood zu sehen, in dem nicht mal eine Liebesgeschichte vorkommt. Mehr davon!

Advertisements

2 Kommentare zu “Kino: Wild

  1. Ergänzend zu Frau Witherspoon kann ich auch Herrn Kraaz empfehlen.
    Die wahre Geschite zu seinem Afghanistan-Tramp mit praktisch ohne Geld (kein Fake, keine Show, ohne Kamera) steckt sogar in Deinen Genen.

    http://www.pankraaz.de/html/pg_Kraaz-Web_4_de.html

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s