Die erfundene Gentrifizierung und ihre Folgen in Hamburg Wilhelmsburg

Wer den Müll findet, darf ihn behalten!

Wer den Müll findet, darf ihn behalten!

Ich lebte in Bremen, Berlin und Hamburg. Erst ging es in Hamburg um Gentrifizierung (Stichwort Gängeviertel), dann zog ich nach Berlin, wo es gerade richtig losging (Stichwort Tempelhofer Feld und Kreuzberg als Stadtteil mit den höchsten Mieten), dann wieder in Hamburg – Stichwort diesmal igs und IBA.

Ich lebe nun in ebendiesem Stadtteil, wo die igs und IBA stattfanden. Seit Jahren wird hier auf der Elbinsel die Gentrifizierung erwartet, vor allem in unserem Teil des Stadtteils; nicht ganz zu Unrecht, die Struktur bietet gute Voraussetzungen. Ein hoher Anteil von Arbeitslosen und Geringverdienenden, also einigermaßen moderate Mieten fürHamburg und damit einhergehend der Zuzug von jungen Familien und Studierenden. Einige nette Altbauten, zum Teil sogar noch unsaniert. Vier oder fünf nette Cafes, drei Restaurants, ein Kinder-Second-Hand-Laden. So etwas spricht sich herum, und die Stadt tut ihren Teil dazu: der Deichzaun, der den Zollhafen geschützt hatte, wurde abgerissen, so dass die Bevölkerung sich am Spreehafen tummeln kann. Oben benannte Ausstellungen wurden in den Stadtteil geholt, ein Sanierungsgebiet mit entsprechenden Institutionen wie dem Sanierungsbeirat und dem Sanierungsbüro ins Leben gerufen. In einer Grundschule wird ein neues Konzept mit Waldorfanteilen geschaffen, das eine neue Elternklientel anlockt – solche, die die Kinder sonst lieber in St. Georg auf die Schule schicken würde. Die Behörde für Stadttentwicklung und Umwelt hat ihren Sitz hierher verlagert. Hier tut sich was.

Und doch: anscheinend kommt man hier nicht über den Status der „ganz bald!“ eintretenden Gentrifizierung hinaus. Das beginnt schon mit den hohen Hürden, wenn Menschen auf die Elbinsel kommen, um sich hier Wohnungen anzusehen. Zunächst einmal ist das hier unfassbar schlecht zu erreichen. Mit der S-Bahn auf die Insel, dann kommt man nur mit dem Bus weiter, der zwar alle fünf Minuten fährt, aber dennoch zu den Stoßzeiten unerträglich voll ist. Dann die Optik: in Wilhelmsburg, auch zwischen den netten Altbauen, stehen Menschen herum, Tag und Nacht. Arme Menschen, die nirgendwo anders hin können als auf die Straße. Hier ist eine inoffizielle Anlaufstelle für Ankömmlinge aus Osteuropa mit einem gut funktionierenden Arbeiterstrich auf dem Hauptplatz des Stadtteils. Zusätzlich tummeln sich hier den ganzen Tag Gruppen von alkoholkonsumierenden Menschen. Ängstliche Menschen können sich da schnell unwohl fühlen, habe ich gehört. Das alles findet im Freien statt und produziert ganz offensichtlich so viel Müll, dass niemand auch nur noch daran denkt, den mal wegzuräumen. Auch die potentiell schönen Grünanlagen sind unfassbar vermüllt, was besonders jetzt bei fallendem Laub geradezu konsternierend ist. Im Bild oben ist es noch etwas pittoresk durch das Laub bedeckt, aber wer hinsieht, sieht: Müll.

Dann ist es so, dass die Gewerbemieten und auch die Wohnungsmieten auf dem freien Markt durch die erwartete Gentrifizierung enorm steigen. Die Folge: junge Familien sehen sich eine Wohnung an, die fast so viel kosten soll wie auf der Schanze, überleben knapp die Anfahrt mit dem Bus, schauen sich das Straßenbild an und fahren zurück mit dem Vorsatz, sich doch lieber was in Eimsbüttel anzusehen. Andere Folge: die Cafes, Kneipen, Modelädchen schließen, weil nicht der erwartete Umsatz gemacht wird- immerhin ist die Gentrifizierung noch nicht da, entsprechend nicht die kaufkräftige Klientel. Meistens kommt dann ein Kiosk oder ein Döner-Imbiss in die Gewerbeimmobilie, das scheint meistens hervorragend zu laufen – zumindest halten die sich länger.

Und so stagniert und stagniert mein Viertel in seiner Entwicklung. Es bleiben und kommen: die Alteingesessenen, die, für die Wilhelmsburg aus irgendeinem Grund das kleinste Übel ist, und die Hartgesottenen. Das ist eine interessante Mischung. Und doch: die Missstände nerven. Sie nerven auch die Alteingessenen, sie nerven auch die Hartgesottenen.

Dabei wäre es relativ einfach, wenn man als Stadt wirklich forcieren wollen würde. Ich habe da einige Ideen.

  • ein neues Anbindungskonzept. Fein, wenn die U4 bis 2030 auch die Elbinsel erreichen soll, aber da geht noch was. Eine Stadtbahn ist in der Diskussion. Ich persönlich würde eine S-Bahn-Station auf der Mitte der Insel empfehlen. Dafür müsste man die Strecke umbauen, aber das kann nicht so schwer sein – zumindest einfacher, als eine U-Bahn-Röhre unter der Elbe zu bauen.
  • ein Konzept für die „Herumstehenden“. Sozialarbeiter, die etwas für die Einwanderer tun, ein Angebot für die Süchtigen und/oder Obdachlosen, aktive Streetworkerinnen.
  • mal den Müll wegräumen und neuen vermeiden. Auch da gibt es Konzepte. Sollte es zumindest geben. Könnte man sonst entwickeln. Ist ja klar: wo Müll liegt, schmeißt man eher Müll hin, als da, wo kein Müll liegt.

Ich halte nichts von einer überzogenen Gentrifizierung, aber ich freue mich trotzdem, wenn es schöner wird. Ich will keine Verdrängung von ärmeren Menschen als mir, ich will, dass mein Kind mit vielen anderen Menschenschlägen in Berührung kommt und kein Schanzen-Prinzesschen wird. Sie soll wissen, dass es in anderen Familien anders zugeht als bei uns. Ich will keine Touristen-Ströme, keine Penthouse-Wohnungen für 1700€ kalt (die gibt es in den neuen IBA-Gebäuden, gehen aber anscheinend nicht gut weg) und keine homogene Gesellschaft wie in der Schanze, wo man keine älteren Leute mehr auf der Straße sieht. Eine Galerie an jeder Straßenecke, vegane Restaurants oder ein H&M – nö, danke.

Aber ich will, dass sich gekümmert wird. Man kann nicht mal eben eine Aufwertung aufrufen, eilig einige Ausstellungen hochziehen und dann wieder weggehen. Die Anbindung, elendste Armut und Müll – das wird dem Anspruch nicht gerecht, und ich finde das auch keinen legitimen Weg, um einen Stadtteil vor der Gentrifizierung bzw, Investoren zu schützen, wie es manchmal in Diskussionen durchscheint. Hier wäre die Chance, einen Stadtteil aufzuwerten, ohne den Wahnsinn von Berlin oder von St. Pauli zu wiederholen. Dafür reicht ein Sanierungsbüro-Mitarbeiter einfach nicht, hier müssen Gelder fließen, dir für andere Stadtteile offensichtlich drin sind. Und zwar stetig, nicht nur für die Dauer einiger internationaler Ausstellungen.

Auf gehts, Herr Scholz.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s