Architektur der Arbeit

Ich bin ein optischer Mensch. Schön anzusehende Dinge oder Menschen bereiten mir ziemlich Freude; böse Zungen unterstellen mir eine gewisse Oberflächlichkeit. Aber wenn die wüssten, wie ungeheuer schön es für mich ist, tollen Sportlern zuzusehen oder einfach nur D. im frisch gebügelten Hemd, dann wären die ganz still, die bösen Zungen! Das flasht mich regelrecht.

Jedenfalls erstreckt sich diese optische Fixierung auch auf die Orte, in denen ich mich aufhalte und arbeite. In Bewerbungsphasen ist mir das besonders deutlich geworden: war das Gebäude schick, in dem das Vorstelleungsgespräch stattfand, war ich sehr viel mehr angetan als vom 70er-Jahre-Systembau. Das ging so weit, dass das Arbeitsgebäude auf der Pro-oder-Contra-Seite einer Liste gelandet ist, wenn ich eine Jobmöglichkeit überdacht habe. Ich weiß nicht, warum das so ist, und ob das klug ist, aber ich folge hier einer Logik, die eher Frauen zugeschrieben wird: die Arbeitsumgebung ist mir fast wichtiger als die Inhalte. Vielleicht aus dem Gedanken heraus, dass man Inhalte verändern kann, das Gebäude aber nicht. Im Übrigen kann ich es auch nicht ertragen, wenn das Arbeitsklima nicht gut ist, aber das ist ein anderes Thema; ich erwähne es hier nur, weil das auch so weiblich konotiert ist. Vielleicht hängt das zusammen.

Meine Arbeitsorte bisher:

  • Hamburger Werbeagentur, EppendorferAltbau.
  • Callcenter in Bremen – nicht schick, aber funktional und nichts Schlimmes. Dort habe ich auch nur meinen Studierenden-Job gemacht, war also nur 15-20 Stunden pro Woche dort.
  • Bremer Frauen-Projekt – Altbau, vergleichbar mit dem Eppendorfer Bau.
  • Hamburger Justizbehörde: ungeheuer wuchtiger Festungsbau. Innen nicht schön, aber ein durchaus beeindruckendes Gefühl, wenn man vor dem Eingang steht.
  • Bundestag. Ja, der… da feiere ich immer noch, wenn ich zur Arbeit komme. Die Bürogebäude sind recht neu, ziemlich schön für Häuser ihrer Art, und im Reichstag selber finde ich die Mischung aus Geschichte, neuer Architektur, Kunst und Macht fast überwältigend. Ich bin ziemlich sicher, dass ich so etwas als Arbeitsplatz im Leben nicht mehr finden werde.

Man stelle sich meine Traurigkeit vor, als ich das Pinneberger Rathaus betrat oder die Fresenius-Hochschule, oder wenn ich die Parteizentrale meiner Fraktion hier in der Hansestadt von Weitem sehe. Oder das Gewerkschaftshaus. Es gruselt mich und hält mich ab, mich initiativ oder überhaupt zu bewerben – ich will das Dienstgebäude nicht tauschen.

Ja, man kann es sich auch schwer machen. Muss ich eben weiter pendeln.

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