Mediennutzung und das Unbehagen

In letzter Zeit fällt mir vermehrt auf, dass in meinem Internet-Umfeld Beiträge erscheinen, die dafür werben, weniger auf das Smartphone und mehr auf die Umgebung zu achten. Ich merke auch bei mir selber, dass es mich auf unbestimmte Art und Weise nervt, wenn alle im ÖPNV auf Bildschirme starren, ich aber wohlwollend innerlich nicke, sobald jemand ein Buch dabei hat. Auch bei der Krabbe bin ich eindeutig gepolt: Wenn das Kind mir Bücher bringt, feiere ich seinen frühen Einstieg ins Lesen und sehe die Universitäts-Karriere vor mir. Drückt es begeistert auf dem Smartphone rum, runzele ich besorgt die Stirn und überlege, wie ich das sich abzeichnende Nerd-Tum des Kindes in der Pubertät einerseits verhindern, andererseits mit „Es ist völlig okay, wie du bist“-Botschaften verknüpfen kann.

In jedem Falle merke ich eine Hierarchie der Medien, und ich frage mich, woher das kommt. Im Prinzip ist diese Hierarchie nämlich völlig willkürlich, ich würde sogar behaupten, mit einem „Früher war alles besser“-Dogma behaftet.

Als Kind durfte ich nicht fernsehen – auch meine Eltern waren gegen eine Dauer-Berieselung durch einn Bildschirm. Ich begann zu lesen, exzessiv. Meine Eltern, erst begeistert, reichten mir im Alter von 7 Jahren den ersten Karl-May-Band, weil ihnene dieKinderbücher ausgingen und mich von der Stephen-King-Ecke des Bücherregals fernhalten wollten (meine Mutter: „Wenn du 12 bist…!“). Ich hockte gefühlte Jahre auf meinem Bett oder auf irgendwelchen Rasenflächen und las und las und las. Ich blickte niemals hoch. Ich war eindeutig ein Nerd, und ich konsumierte eindeutig im Dauer-Berieselungsmodus. Das tat weder meiner Sportlichkeit gut noch meinem Sozialleben, aber niemand runzelte besorgt die Stirn. Lesen ist gut.

Aber wo genau liegt nun der Unterschied zwischen Dauerlesen und Dauer-Smartphone-Nutzung? Gut, die Texte sind kürzer, aber das könnte man auch über Kurzgeschichen, Tagesezeitungen oder Comics sagen. Lange Phasen der Konzentration sind bei Smartphones nicht erforderlich, aber auf einer U-Bahn-Fahrt von fün Minuten sowieso nicht zu leisten. Hochschauen tut man bei keinem Medium, sei es das Rätselheft mit Sudokus, das HAndyspiel oder der neue Grisham-Roman. Kompetenzen werden in beiden Fällen gefördert – beim Lesen das Textverständnis, beim Smartphone der schnelle Wechsel zwischen verschiedenen Themen und die Medienkompetenz.

Bei mir persönlich ist es eindeutig eine nostalgische und eher irrationale Sache. Und dennoch: die Krabbe wird weiter in die Bücherei gezerrt werden, und ein Fernseher kommt mir nicht ins Haus. Und das mit den Smartphones – ich habe die Hoffnung, dass diese Technologie sich nicht durchsetzt und in zehn Jahren eh nicht mehr en vogue ist. Mal sehen, was ich dann entrüstet vom Kind fernhalten kann.

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