Haarige Sache, das.

Cloudette schrieb vor etwa zwei Jahren diesen Blog-Eintrag über kurze Haare bei Frauen: An ihren Haaren sollt ihr sie erkennen.  Ich weiß nicht warum, aber das Thema hat mich danach noch etwas beschäftigt. So etwa die dort beschriebene These, dass kurze Haare bei Frauen nur im Alter über 40 Jahre oder in der linken Szene vorkommen würden; in Berlin achtete ich nach der Lektüre, ob ich dasselbe für mich beobachten könnte, und musste sagen: nö. Ganz schön viele junge Dinger, die ich der Hipster-Szene zuschreiben würde, mit kurzen Haaren. Aber damit ging das Nachdenken schon weiter: ist die Hipster-Szene vielliecht auch dem linken Spektrum zuzuordnen? Und wenn qua definitionem nicht: würden eventuell so einige Menschen diese jungen Dinger der linke Szene zuordnen, einfach weil es in z.B. Bad Salzuflen keine Hipster-Szene gibt, sondern einfach mal „Ha, links!“ rufen und zufrieden die Einordnung abschließen?

Ich z.B. trage gerne Bob. Ich bin unter 40 und eher mittellinks, zumindest glaube ich an das System und den Sozialstaat. Mein Kind trägt extrem kurze Haare, was aber in erster Linie daran liegt, dass die Haare der Krabbe sich sehr hartnäckig weigern zu wachsen. Inzwischen feiere ich die ersten beiden Nackenlocken als das Höchstmaß der Cuteness (Zitat Impi Ende). Da die Krabbe ziemlich bengelig wirkt, wird sie trotz einiger rosa Accessoires oft als Junge angesprochen, und tatsächlich hatte ich schon einige Fantasien, wie ich ihr eine Spange auf den kahlen Kopf klebe, damit sie weiblicher wirkt. Der Mainstream wirkt. Ich konnte mich aber noch beherrschen.

Jüngst fand ich Cloudettes Artikel wiede und ging nochmals beobachtend auf die Pirsch. Die kurzen Haare bei Frauen haben sich eindeutig vermehrt, wie ich finde. Vor allem im Berufsleben habe ich gezählt: in Sitzungen haben ca. 70% der Anwesenden Frauen kurze Haare, querbeet durch alle Alters- und Hierarchiestufen. Die Ministerin hat die längsten Haare, die Sekretärin auch. Bei Referentinnen sind die Haare fast nie länger als bis zum Kinn, nur die persönliche Referentin der Ministerin leistet sich eine Wallemähne. Aber auch auf der Straße oder sonst wo in der Öffentlichkeit: kurze Haare bei Frauen sind eindeutig mehr en vogue als noch vor zwei Jahren, und ich finde es echt toll. Sieht schick aus, und dennoch weiblich, wie ich finde.

So komme ich denn auch zu meinem persönlichen Fazit: die Haarlänge bei Frauen ist nicht nur für die Geschlechterzuordnung und die damit verbundenen Schubladen notwendig, sondern extrem modeabhängig. Auch hier geht es um Schubladen, das ist klar: kurze Haare werden von Trendsetterinnen oder praktisch veranlagten Frauen getragen, vielleicht auch von Damen, die im Beruf ernst genommen werden wollen, und ich kenne frappierend viele nicht-hetero-Frauen, die kurze Haare haben. Aber ich habe immer noch keine Frau in rosa Glitzer-Shirt mit Gel-Nägeln gesehen, die kurze Haare trägt. Obwohl… doch, habe ich. Dann zwar eher schwarz gefärbt mit blonden Strähnchen, aber kurz. Immerhin sind das immer Frisuren, die ein Mann, der älter als 18 ist und der Mainstream-Kultur angehört, nicht tragen würde, also eindeutig weiblich konotierte. Geschlechterzuordnung: check.

Bei Kleinkindern wiederum muss ich diese Beobachtung noch fortsetzen. In der Kita der Krabbe gibt es einen Jungen mit langen Haaren, einige Mädchen mit kinnlangen Haaren und kurzgeschorene Kinder mit Kraushaaren beiderlei Geschlechts. Bei uns im Hinterhof ist exakt dasselbe Verhältnis zu beobachten. Da es sich im seltensten Falle um so richtige Frisuren handelt, ist die Geschlechtszuordnung etwas schwieriger als bei Erwachsenen, aber meist vorhanden. Warum das wichtig ist, hat sich mir auch noch nicht erschlossen, außer eben, dass der Mensch zuordnen will und muss. Natürlich geht es hier um Stereotype, aber Stereotype machen uns das Leben nun mal auch einfacher: wenn wir den ganzen Tag alles hinterfragen und nichts als gegeben hinnehmen könnten, würden wir leider nicht mehr zum Arbeiten kommen. Ich kann mich da nicht ausschließen, auch ich frage nach dem Geschlecht oder zumindest nach dem Namen des Kindes, danach weiß ich ja, wie der Hase läuft und ob es später kurze oder lange Haare haben wird. Unsere Sprache hilft da nicht weiter: Wir müssen nach „ihm“ oder „ihr“ fragen. Ein Kind sächlich mit „es“ anzusprechen, fühlt sich zumindest für mich merkwürdig an. Alternativformulierungen wie „Wie heißt das kleine Menschlein denn?“ oder „Wie alt ist dein Kind?“ fallen mir meist spontan nicht ein. Also ist es alleine für den Sprachgebrauch einfacher, ein Geschlecht zuzuordnen.

Zu Ende gedacht ist das alles nicht, aber ich finde es sehr interessant. Ich beobachte das und mich mal weiter.

 

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2 Kommentare zu “Haarige Sache, das.

  1. cloudette sagt:

    Interessant, danke für deine Gedanken! Meine Beobachtungen beziehen sich auf eine süddeutsche kleine Großstadt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es hier einen Groß- Kleinstadt und viell. einen Nord-Süd-Unterschied gibt. Dass es in Berlin nicht so ist wie hier, glaube ich sofort :-D. Ich beobachte ja auch immer noch weiter und konnte meinen Eindruck bisher nicht modifizieren (bin viel auf Spielplätzen und im Uni-Umfeld unterwegs, sehe also viele jüngere Leute). Ich glaube auch nicht, dass das etwas Immerwährendes ist. Meine Oma z. B. schwärmte von den Kurzhaarfrisuren aus den 20ern und konnte nie verstehen, warum „wir“ (also die jungen Leute) „alle“ mit langen Haaren rumrennen. Ingesamt beschäftigt mich die Geschlechterkodierung sehr, da sehe ich eine deutliche Zunahme im Unterschied zu den 70ern, in denen ich Kind war.

    (Der Link oben führt übrigens irgendwie ins Nirwana, deshalb kam bei mir auch kein Pingback an.)

  2. jongleurin sagt:

    Mit der Zunahme der Geschlechter-Kodierung bin ich sehr bei dir – auf Kinderfotos von mir und meinen Schwestern aus den 80ern sehe ich z.B. überhaupt kein Rosa. Ich bin allerdings nicht sicher, ob meine Mutter als fleißige EMMA-Leserin da eventuell bewusst gehandelt hat. Lange Haare hatten wir dagegen schon.
    Trotz allem Bewusstsein fällt es mir auch schwer, darauf komplett zu verzichten. Ist ja schon niedlich, so ein sportives Kleidchen im Sommer, und es ist zeitraubender als ich es mir manchmal leisten könnte, geschlechtsneutrale Kleidung zu finden. Da gibt es nicht so viel Schönes, was preislich im Rahmen liegt für ein 1,5 Jahre altes Kind. Ich bin jedenfalls gespannt, ob diese berühmte und angeblich unvermeidbare Rosa-Phase irgendwann mal bei dem Kind eintritt – ich hatte die nie, und meine Schwestern auch nicht.

    (Den Link habe ich korrigiert, es sollte jetzt gepingbackt haben.)

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