Taktisch Zugfahren

Im ICE riechen alle gut, sehen vergleichsweise gut aus und gucken kompetent. Trotzdem möchte ich am liebsten jede Fahrt einen Zweier-Sitz für mich alleine, was das Ergebnis eines längeren Erfahrungs- und Analyse-Prozesses ist. Denn Privatsphäre auf Zugfahrten ist wichtig. Deshalb gehen die Vierer-Sitzgruppen mit Tisch in der Mitte nur in den seltensten Fällen, da sitzt man nie alleine. Zum Arbeiten ist das okay, aber nicht zum Entspannen; wenn ich einschlafe, bekommen meine Gegenüber ungefiltert alle merkwürdigen Geräusche, Zuckungen und Speichelfäden mit, die ich eventuell absondere.

Ein oder zwei Zugfahrten lang dachte ich, mit den Schwerbehinderten-Plätzen eine ungeheuer fuchsige Wahl getroffen zu haben, die sind immer frei. Dann merkte ich, dass die besonders nah an den Toiletten liegen und ich freie Sicht auf den Toiletten-Verkehr der Mitreisenden habe. Unwillkürlich dachte ich Gedanken wie: Die war ja nur kurz drin, die hat sich doch garantiert nicht die Hände gewaschen! Und der ältere Herr setzt sich bestimmt nicht hin. Das gibt wieder Tröpchen auf dem Boden. Und: Die war jetzt so lang, jetzt riecht es sicher komisch. Und hoffentlich hat niemand Spargel gegessen. So ging das in einer Tour, ich konnte nicht aufhören.

Nach 1,5 Stunden mit diesen Gedanken war ich völlig erschöpft und nahm Abstand von den Schwerbehinderten-Plätzen. Seitdem bevorzuge ich ganz normale Zweier-Sitze in der Nähe der Türen, und meistens habe ich einen für mich alleine. Es gibt nämlich immer Waggons, in denen keine Reservierungen sind, die sind nicht so voll wie die Waggons mit Reservierungen. Oft lohnt es sich auch, ein wenig zu wandern, um einen genehmen Platz zu ergattern. Resiegruppen sind unbedingt zu vermeiden, vor allem Klassenfahrten! Unprofessionelles Pack, das den Pendlerinnen den langsamen Start in den Tag versaut durch exzessives Lautsein und gute Laune. Ich bin da wählerisch. Es gibt nur eine Ausnahme: Montags früh, da schnappe ich mir einfach den ersten freien Platz neben einer beliebigen Reservierung. Montags ist es zu voll, alle stehen dumm im Gang herum und nehmen Platz weg, wenn ich da wählerisch wandere, werde ich nur zur Wutbürgerin. Also habe ich gelernt: Montags früh schnell setzen. Wenn der Platz neben mir reserviert ist, fragt mich niemand nach ebendiesem Platz und erstaunlich oft werden Reservierungen nicht wahrgenommen.

So sitze ich denn friedlich alleine, zucke, grunze, speichele, und alle sind zufrieden.

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