Allein? Erziehend.

Alleinerziehend – bei diesem Wort laufen jedem Elternteil oder potentiellen Elternteil, vor allem den weiblichen, kalte Schauer den Rücken hinunter. Man weiß ja, wie es diesen Alleinerziehenden geht! Von Armut bedroht, das Kind leidet unter der Abwesenheit des Vaters, man kann nicht arbeiten gehen, Hartz IV schwebt wie ein Damoklesschwert über den Köpfen, hässliche Streits vor Gericht, abendliches Weggehen oder überhaupt Freizeit: unmöglich. Und dann die Trennungsquote: 20 Prozent. 1:5 die Chance, dass man mit Kind allein erziehend endet. Sicherlich tragen diese Aussichten nicht zu einer steigenden Geburtenrate bei.

Obig beschriebenes ist sicher häufig der Fall. Doch gerade in meinem Umfeld erlebe ich es oft anders, so auch bei mir: Der Nachwuchs wird auch nach einer Trennung gemeinsam aufgezogen. Meistens gibt es eine relativ paritätische Aufteilung, das Kind lebt bei beiden Elternteilen, was viele Vorteile hat: Beide können arbeiten, beide haben Freizeit, die Kosten werden geteilt. Sicher, man muss recht viel kommunizieren, aber sogar bei sogenannten hochstrittigen Paaren kann die Kooperationsbereitschaft steigen, denn: Weder fühlt sich einer als Betreuungsesel noch eine als Zahlmeisterin. Das Verständnis auf beiden Seiten füreinander steigt. Da man außerdem keine Ansprüche mehr an den anderen Elternteil als Partner/in hat, kann die Erleichterung jeweils sehr groß sein. So gesehen ist Alleinerziehend eigentlich kein Schreckgespenst, sondern kann eine gute Alternative zu einer beschissenen Beziehung mit Kind sein. Respekt davor ist berechtigt, Angst nicht unbedingt.

Was nicht klappt: die rechtlichen Rahmenbedingungen. Etwas hilflos stehe ich vor Fragen wie: kann jetzt einer von uns die Steuerklasse wechseln? Wer beantragt den Riester-Zuschuss? Wer bekommt das Kindergeld und wer die Rentenpunkte? Und wie entschädigt man sich gegenseitig für all dies? Andere Länder sind da weiter, da wird das so genannte Wechselmodell oder Doppelresidenzmodell im Familienrecht festgeschrieben und bevorzugt.

Das Deutsche Jugendinstitut bringt Ende 2014 eine Studie zu dem Thema heraus. „Multilokalität von Familien“ wird sie heißen – ich bin gespannt. Und da ich nun schon den zweiten Vermerk zu dem Thema schreibe, wird sich mein Arbeitgeber dem vielleicht auch annehmen. Es ist jedenfalls ein Politikfeld mit Potential. Denn sicher sind Trennungsfamilien sehr problembelastet – aber gleichzeitig stemmen sie mit unglaublich viel Kraft eben diese Probleme, suchen und finden individuelle Lösungen für Alltagsprobleme. Flexiblere Gesetze würden da enorm helfen, denn jede Trennungsfamilie ist anders.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s