Pendeln – erste Eindrücke

Schon am vierten Tag des Extrempendelns – 287 km/Strecke – stellen sich gewisse Routinen ein, zeichnen sich Muster ab. Die Tagesstruktur verändert sich enorm, aber wenn alles so läuft, wie es sollte, ist es gut. An den drei Tagen pro Woche, an denen ich arbeite und daher unterwegs bin, hat der Papa das Kind – in der Hinsicht ist alles entspannt. Das frühe Aufstehen ist schmerzlich, aber D. steht ultimativ liebesbeweisend und kaffeekochend mit mir auf, was die Situation mehr als erträglich macht. Meine Tasche steht noch vom letzten Tag bereit und muss nur noch an mich gerissen werden, Kleidung habe ich am Abend vorher heraus gelegt. Alles andere kann man tatsächlich im Zug erledigen: frühstücken, langsam in den Tag starten, schminken, Filme schauen. Manchmal habe ich den Verdacht, dass in der Zugtoilette auch rasiert wird, jedenfalls von den männlichen Mitreisenden.

Jetzt im Winter ist das eine recht angenehme Situation, besonders, weil um diese Uhrzeit alle in der Umgebung Profis sind und wenn alles reibungslos läuft, wirklich alles reibungslos läuft und in einer merkwürdigen mechanischen Schönheit ineinander greift (das ist fast nie der Fall, aber darum geht es hier nicht). Der Rhythmus ist frappierend. Die Busfahrer starten hart durch, die Busfahrenden hüten sich zu zahlen und kleingeldklimpernd Zeit zu vergeuden; hier haben alle ein Monatsticket! Am Bahnsteig dominieren Trenchcoats über Anzügen, dezente Mäntel über bürotauglicher Kleidung und kleine Rollkoffer bzw. große Laptoptaschen, und wenn der Zug Verspätung hat, wird höchstens routiniert dezent gemurrt und Ausatmen zelebriert.

Wirklicher Ärger macht sich nur breit, wenn ein Zug ausfällt oder ein Zugteil wegen technischer Probleme abgekoppelt wird und es auf Grund dessen wirklich voll wird: Zwar ergattern alle Reisenden noch einen Sitzplatz, aber mitnichten jeder eine STECKDOSE. Da wird die Stimmung kurz ein wenig angespannt. Smartphonebesitzende mit schwächelnden Akkus sind in der Überzahl, und wo der Berliner an sich einfach lamentierend wüste Beschimpfungen ausstoßend sein Ladegerät möglichst dominant in die Steckdose rammen würde und dabei demonstrativ Kiefer- und Armmuskeln anspannt, machen die Hanseaten das schweigend mit Körpersprache und Blicken unter sich aus. Nicht minder aggressiv, versteht sich, aber zurückhaltend.
Als Teil eines solchen Systems lässt es sich aushalten. Vielleicht sehe ich das im Sommer anders, wenn draußen die Sonne scheint und ich aus dem Zugfenster klimaanlagenfröstelnd auf grüne Wiesen, Wälder, Seen starre. Die Fehleranfälligkeit des Systems ist außerdem täglich so enorm hoch, dass es eigentlich auf lange Sicht nicht gut ausgehen kann. Ich bin jetzt schon auf die Bilanz gespannt, wenn der Zauber des Anfangs sich gelegt hat.

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