Der Aufreger zum Wochenende: Stillen ist Liebe.

Nora Imlau schreibt auf ZON über den Druck auf Mütter, die nicht stillen (wollen). Das ist soweit, vor allem unter nicht stillenden Müttern oder denen, die über Alternativen jemals nachgedacht haben, relativ bekannt: Stillen gilt als nonplusultra, und das wird dir von allen Seiten genauso vermittelt, und wer nicht stillt, bekommt Druck.

Der Artikel beschreibt das also,  nimmt auch Stellung in Hinsicht auf freie Entscheidung und in den Kommentaren geht es dann natürlich sofort ab wie Luzi. Zuerst kommentieren viele Männer, dass es diesen Druck nicht gibt. Also ihre Frau hat ja auch nicht gestillt, und niemand hat diese Männer böse angeguckt! Also: bewiesen! Und selbst wenn irgendeine Frau so einen Druck verspürt, soll sie sich mal nicht so anstellen, sondern einfach ihr Ding durchziehen, wie es sich für moderne Frauen gehört! Ja.

Dann folgen diese herrlichen Kommentare, wo Menschen schreiben, dass es diesen Druck natürlich nicht gibt, ihnen persönlich z.b. ist es komplett egal, ob Frauen stillen oder nicht. Aber es ist eigentlich schon das Beste fürs Kind, und da müssen die Frauen dann halt Verantwortung tragen und so weiter und so fort. Merken sie aber leider nicht selbst, was sie da so schreiben.

Weiter geht es mit Kommentaren, in denen ganz klar pro Stillen Bemerkungen gemacht werden, die in die Richtung gehen, dass Flaschenfütterung vergleichbar ist dem Schlagen eines Kindes, und das natürlich gestillte Kinder enorm große Vorteile in ihrer Entwicklung gegenüber nicht gestillten Kindern haben. Dass diese Studien, die da gerne herangeführt werden, durchaus methodische Mängel haben, etwa eine nicht vorhandene Vergleichsgruppe, wissen die Kommentatoren nicht oder sie verschweigen es. Das außerdem in diesen Studien immer erwähnt wird, dass hier ein Zusammenhang bestehen könnte, dieser aber nicht nachweisbar ist, wird auch nicht erwähnt. Dass Stillen ein Faktor ist, aber nur einer von sehr vielen, und dass andere Faktoren wichtiger sind als eben das Stillen. Das holen dann einige Kommentare später andere Forenuserinnen nach. Die haben aber keine Chance gegen die Masse.

Es ist also alles voraussehbar in den Kommentarspalten, aber aus reinem Masochismus ziehe ich mir die Diskussion dann doch noch rein. Ist schließlich Wochenende. Es sind hunderte Kommentare, der Bedarf zum Äußern scheint groß, und der Tenor ist genau der, den die Autorin des Artikels beschreibt: Still-Druck.

Und ich nehme die Debatte zum Anlass, hier meine eigene Erfahrung und Meinung zum Stillen kund zu tun. Ich würde nicht wieder voll stillen.

Für mich selber war das Stillen körperlich relativ unproblematisch. Die Krabbe nuckelte kompetent, etwa jeweils eine halbe Stunde lang, alle vier Stunden. Dennoch tat es mir nicht gut. Ich hatte eine schwere Zeit im Wochenbett und auch in den Monaten danach. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine Art Wochenbettdepression hatte, die über das Wochenbett deutlich hinausging. Und ich bin mir ebenso ziemlich sicher, dass das Stillen sehr dazu beigetragen hat. Ich wollte einfach oft weg von meinem Kind, von dieser ultimativen körperlichen Vereinnahmung, brauchte ein paar Stunden Pause, und konnte nicht, weil sie nach etwa einer Stunde Abwesenheit verlässlich zu schreien begann und ich wieder zur Benuckelung herangezogen wurde. Ich dachte also über Nicht-Voll-Stillen nach. Hebamme, Umfeld, Mann waren sich aber größtenteils einig: lieber nicht, es ist doch das Beste. Also stillte ich weiter. Und ich habe in der Folge sogar bei mir selbst gemerkt, wie ich etwas borniert auf Flaschenmuttis herabgeschaut hatte. Und zwar aus der Denke heraus: come on, du faules Stück. ICH opfere mich auf, mach du das gefälligst auch. Ja, so ist man manchmal, leider. Vor allem, wenn man die Entscheidung aufgrund von Strukturen getroffen hat und nicht selbstbestimmt. Ich war sehr erleichtert, als ich nach sechs Monaten wieder arbeiten ging und abstillen „durfte“.

Noch fast zwei Jahre lang habe ich jedesmal, wenn ich ein Neugeborenes gesehen habe, regelrechte Beklemmungen bekommen. Diese waren durchaus vergleichbar mit meiner leichten Klaustrophobie, die ich in großen Menschenmengen habe – ich bin aus dieser Zeit wirklich belastet herausgegangen. Daraus habe ich gelernt. Würde ich noch einmal schwanger werden – und das würde ich gerne – , würde ich keinesfalls wieder voll stillen. Zwiekost hieße dann das Gebot der Stunde. Immer schön abwechselnd stillen und Fläschchen, und zwar keinesfalls abgepumpte Muttermilch! Alleine die Vorstellung, mich die Hälfte des Tages mit einer Milchpumpe beschäftigen zu müssen, und die andere Hälfte des Tages dann eben mit dem Baby, dass sonst leider verhungern würde, lässt mich schreiend davonlaufen wollen. Wenn sich das Kind dadurch selbst abstillen würde, würde ich das leichten Herzens in Kauf nehmen. Deswegen würde ich der erneuten Herausforderung eines weiteren Babys ins Gesicht sehen, bräuchte da aber Unterstützung, die auch das Füttern mit einschließt.

Und für das Protokoll: ich liebe mein Kind sehr, ich habe niemals irgendetwas bereut, ich bin eine ziemlich gute Mutter und hier ist alles im normalen Rahmen sutsche. Das alles hat mit Stillen oder nicht stillen herzlich wenig zu tun.

Fies. Wirklich fies.

Die Krabbe wird geradezu kreativ im Verhandeln. Geht es nicht nach ihren Kopf und sie kommt mit (natürlich ungeheuer niedlichen) Betteln nicht weiter, stößt sie nun wilde Drohungen aus. Die beliebteste: „Dann schrei ich ganz laut in dein Ohr!“ Macht sie dann auch, aber eher mittellaut, und ich muss immer sehr lachen.

Heute erreichte sie ein neues Level. Nach hartem Nachdenken stieß sie erzürnt hervor: „Sonst läuft dir deine Arbeit weg!!!“ Wundervoll. Innerlich feiere ich immer noch die Party des Jahrhunderts… Sie hat anscheinend meinen Schwachpunkt erkannt, ich bin ja ungern erwerbsarbeitslos. Andererseits, so in der Sonne auf dem Balkon, war diese finstere Drohung eher ein verlockendes Angebot.

Toll, diese Menschwerdung.

Bücher: Die Feiertage können kommen!

20170518_154845Ich habe den Geburtstagsgeschenk-Buchhandlungsgutschein eingelöst!

Robert Harris: Konklave. Ich mag Robert Harris, gerade seine historischen Romane. Ich finde, dass er Politik und Machtverhältnisse sehr spannend erzählen kann, mit interessanten Protagonisten und gut zu lesender Sprache. In „Konklave“ geht es um die Wahl eines Papstes, ein Thema, das ich generell sehr faszinierend finde. Der Vatikan ist für mich immer eine abgeschottete Welt aus Männerbünden und -feindschaften, quasi ein Idealtypus der Politik. Ich habe lange überlegt, es auf Englisch zu kaufen, habe aber mit den deutschen Übersetzungen von Harris immer gute Erfahrung gemacht und brauchte etwas zum Schnell-Herunterlesen.

Margaret Atwood: The Handmais´s Tale. Quasi das Gegenteil von „Konklave“. Englisch, schwere Kost. Aber ich kenne und mag Margaret Atwood, ich kenne auch das Buch von einer etwa 10 Jahre zurück liegenden Lektüre, und mir ist, als würde es in Bälde eine Serie dazu geben. Sehr viele gute Argumente, auch wenn das schnelle Herunterlesen hier nicht stattfinden wird.

Lily King: Euphoria. Ein bisschen historisch, ein bisschen exotisch, ein bisschen Liebe und eine mich sehr ansprechende Beschreibung auf meinem Lieblings-Buch-Blog schiefgelesen. Ist gekauft! Auch hier nicht auf englisch, weil ich mein Hirn etwas entspannen will. Das Angelsächsische ist für etwa zehn Jahre sowieso gesichert,  denn ich muss noch „Wheel of Time“ durchackern.

Torben Kuhlmann: Lindbergh. Ja nun, manchmal will man ja auch was Nettes zum Vorlesen haben. Dieses Buch wurde überall in meinem Internet dermaßen bejubelt, dass ich es für die Krabbe haben wollte. Ich selber finde nach dem ersten Hineinschauen die Bilder toll (wenn auch etwas sehr in Brauntönen gehalten, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das mag) und das Bild/Textverhältnis extrem gut. Es ist wirklich nicht einfach, für eine Vierjährige Bücher zu finden, die genug Bilder für sie und genug und guten Text für mich bieten. Vielleicht klappt es ja hier, und mit etwas Glück mag sie es. (Und wenn jemand Tipps hat für Bücher mit einem ähnlichen /Text/Bildverhältnis, gerne hier kommentieren, ich freue mich immer über eure guten Tipps. schiefgelesen hat leider keine Kinderbuch-Rezensionen :-))

nicht im Bild: Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter. Noch etwas zu viel Text für die Krabbe, aber was man hat, hat man. Ich dachte, dass vielleicht der Text sie fesseln könnte, und sie hat sich das auch einige Abende angehört, aber dann siegte doch „Lea im Zoo“. Bah. Alles nur, weil ich dich liebe, Kind.

Und falls das alles zum Kopf abschalten nicht genug ist, habe ich mir die DVD zur sechsten Staffel Game of Thrones in der Bücherhalle vorgemerkt. Pfingsten ist kindfrei und zum Konsum derselben qua Beamer vorgemerkt. Ich freu mich!

 

Ein Stadtausflug mit Krabbe – Die Eroberung von Bremen

Stadtmusikanten_Bremen

Die Bremer Stadtmusikanten. Von Wuzur – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3571364

Jüngst besuchte ich mit der Krabbe Bremen. Es war ein wirklich gelungener Ausflug, ich war danach ganz angetan und musste daran denken, dass Frau Novemberregen mir auf kommentatorische Nachfrage mal verriet, dass Städtereisen mit Kindern durchaus auch schon mit 8jährigen toll sind. Nun, die Krabbe ist vier Jahre alt, aber das war auch schon toll. Da ich Vorbereitungs-Fan bin, erzählte ich ihr vorab von den Bremer Stadtmusikanten und dass ich in Bremen studiert und daher dort lange gewohnt hatte, auch ihren Vater habe ich in der Zeit kennen gelernt. Das fand sie ganz interessant.

Wir bestiegen also top vorbereitet morgens den Regionalexpress, in dem die Krabbe dann etwa eine Stunde lang und damit den Großteil der Fahrt lang versunken Hörspiele hörte. Manchmal erschreckt es mich ja ein wenig, wie sehr weggetreten das Kind beim Medienkonsum ist, aber ich schätze, das ist eigentlich nicht ganz schlecht, diese Fähigkeit zur Hingabe. In diesem Falle nutzte ich die mentale Abwesenheit meiner Tochter, um etwas zu lesen und aus dem Fenster zu schauen, also eine ganz normale Zugfahrt, fast wie mit ohne Kind. Das war interessant, daran muss ich mich erst noch gewöhnen, mir war fast etwas langweilig.

In Bremen angekommen fuhren wir zunächst Straßenbahn, was die Krabbe immer toll findet. Schienen auf der Straße! Das ist schon ein Ding. Ich zeigte ihr auf der Fahrt die Orte, an denen ich in Bremen gewohnt hatte – und das sind viele, ich habe ungefähr in sechs verschiedenen WGs gelebt -, was sie zu sehr vielen Nachfragen und Überlegungen animierte. Fragen und überlegen sind aktuell sehr große Hobbys von ihr, das könnte sie in einen Lebenslauf schreiben. Das ist schön, aber manchmal etwas anstrengend, da ich prinzipiell keine Frage unbeantwortet lassen möchte.

Am Leibnitzplatz trafen wir uns mit meiner alten Freundin V. in einem schönen, mir bis dato unbekannten Cafe, das ich wegen seiner Spielecke ausgesucht hatte. Ach ja, der Fokus hat sich verändert, seit ich als Studentin in der Stadt rumgelungert habe! Die Krabbe hörte noch eine halbe Stunde Hörspiel und enterte dann die Spielecke, wollte allerdings keinesfalls alleine spielen. Da das Gespräch so nicht weiter geführt werden konnte, brachen wir bald auf, um uns die Bremer Stadtmusikanten-Statue anzuschauen. Diese steht auf dem überaus prachtvollen mittelalterlichen Rathausplatz, auf dem außerdem der riesige Dom steht und auf dem sich enorm viele Statuen tummeln. Die Krabbe fand das richtig gut. Sie wollte gerne in den Dom und so folgten wir Erwachsenen brav.

Im Dom selber hatte sie viele Fragen zu den Ritualen, den Fenstern, den Leuten, der Einrichtung, den Statuen, den Bischofsgräbern, den Beichtstühlen etc pp. Ich bin Atheistin und versuchte etwas verzweifelt, alles neutral zu erklären, ohne dass es unkritisch zu verstehen ist. Väterlichseits ist da mehr Glaube im Spiel, sie bekommt also die andere Seite auch gut mit. Ich orgelte tüchtig herum, war aber generell ganz zufrieden mit mir. Irgendwann kamen wir an der obligatorischen Jesus-Staue an. „Mami, warum ist immer Jesus in der Kirche?“ – „Viele Leute glauben, dass Jesus der Sohn von Gott ist. Und weil die Kirche für Gott gebaut ist, ist da auch immer Jesus drin.“ Das kleine Gesicht verzog sich, aufs Höchste empört, und die Krabbe rief SEHR laut, dass es von den Kirchenwänden widerhallte: „Das stimmt nicht! Gott ist im Himmel und Jesus auf der Erde! Jesus ist nicht der Sohn von Gott! Der hat andere Eltern, Maria und den Mann da, dieser eine!“ Ich nickte bedächtig, sagte: „Du hast das Kernproblem gut erfasst, mein Kind, ich bin stolz auf dich“ und zerrte alle schnell und unauffällig wieder auf den Marktplatz hinaus.

Hier entdeckte die Krabbe, dass die Leute Fotos von den grausligen Domstatuen machten, und beschloss, auf jede der ungefähr einhundert Statuen zu klettern und ihre unschuldige Mutter zu zwingen, das ausführlich zu fotografieren. Sie poste wie eine Weltmeisterin, ich war schwer beeindruckt. Wir schauten uns außerdem die Stadtmusikanten an, mit denen ebenso verfahren wurde, und sie rieb alle möglichen Stellen auf der Statue für das größtmöglich Glück, das dadurch zu einem kommt, ordentlich ab. „Was heißt das, das bringt Glück?“ – „Das heißt, dass du dann heute viel Glück hast. Vielleicht so viel Glück, dass es heute Abend Nudeln gibt.“ Das leuchtete ihr ein – Nudeln sind schon wirklich viel Glück! Sie wollte dann gerne noch in das mittelalterliche Rathaus, was allerdings weder zeitlich noch organisatorisch zu bewältigen war, was ich mir aber merkte. Hamburg hat ja auch ein Rathaus, nech!

Um die These mit dem Glück zu überprüfen, verabschiedeten wir V., stiegen wir in eine weitere Straßenbahn und machten uns auf zu Schwester 2 und ihrem Freund und Sohn. Dort stieß bald D. zu uns, die Krabbe spielte mit ihrem Cousin (zumindest im selben Zimmer mit ihm, aber das klappte alles sehr gut), die Kinder aßen Nudeln und gingen irgendwann gesammelt ins Bett. Gegen 21 Uhr kam das vorab bestellte Sushi, der Sekt wurde geöffnet und floß in Strömen. Viel zu spät gingen auch die Erwachsenen ins Bett.

In der Nacht setzte meine Periode ein, und die puckernde Gebärmutter kombiniert mit einem veritablen Schädel führte zu meinem Entschluss, dass alle anderen ruhig wie geplant bouldern gehen konnten, während ich Kaffee trinken in der Boulderhallen-Sofaecke bevorzugte und Anlaufpunkt für die Kinder sein würde. Gesagt, getan – wir fuhren in die Boulderhalle nach Walle, und es geschah alles genau so. Die Krabbe ist eine große und furchtlose Klettererin, so dass sie auf ihre Kosten kam, ebenso ihr Cousin. Nach einem spaßigen Vormittag setzte uns Schwester 2s Mann am Bahnhof ab, wir besorgten uns schnell ein Mittagessen und stiegen in den IC zurück nach Hamburg.

Das war alles sehr großartig und harmonisch gewesen. Reisen mit der Krabbe ist aber auch wirklich immer toll, sie ist ein unterwegs-Kind. Wirklich schade, dass ich selber eher eine zu-Hause-Mutti bin.

Drei gute Dinge auf dem Teller: Hugh Fearnley-Whittingstall

Drei gute Dinge: Kartoffel, Steckrübe und Ei.

Ich bin ja bekennende Nicht-Kochbuch-Nutzerin, aber dieses Buch hat es mir angetan. Und das kam so: Ich stand jüngst im Winter in der Bücherei vor den Kochbüchern. Einfach so, eigentlich nur, um etwas blicklos vor mich hinzustieren, ich habe es nicht so mit Kochbüchern, aber das Regal ist schön bunt. Doch dann! dieses Buch sprang mir ins Auge, da auf dem Cover vier Dinge waren, die fast alle zu Hause haben, also zumindest ich: Brot, Porree und Käse. Und ein lustig schauender Mann. Damit konnte ich etwas anfangen. Ich schlug das Buch auf und fand als erstes das oben stehende Foto, was unfassbar gut für mich aussieht, mein Blick schweifte zu der Zutatenliste und fand erfreulich wenig Chichi. Und: STECKRÜBE! Ich war etwas fasziniert. Mit Steckrüben konnte ich mich zu dieser Zeit totwerfen, im Hofladen war das Steckrübenangebot im Winter konsistent und üppig. Und da war einfach etwas in einem Kochbuch, was ich geilo finde, und es enthält einfach so Steckrübe!

Das Buch besticht außerdem durch sein Grundkonzept: jedes Rezept besteht aus drei Hauptzutaten und sonst nicht allzu vielem. Das reizte mich.

Ich nahm das Buch also mit und kam zu Hause aus dem Rezepte-Markieren gar nicht mehr heraus. Das Buch hat sehr viele tolle Seiten (hehe!), die ich niemanden vorenthalten möchte und es für mich zu einem extrem guten Kochbuch machen.

  • Die Zutatenlisten sind wirklich kurz und ich muss keine langen Einkaufslisten schreiben, weil ich meist alles im Hause habe, was es neben den drei Grundzutaten braucht.
  • Es gibt sehr viele vegetarische Rezepte.
  • Im Glossar sind wirklich alle Zutaten zu finden, was es für Biokisten- und Hofladen-Nutzerinnen einfacher macht. Wenn ich Rote Bete habe, kann ich nach Roten Beten suchen und werde zu allen Rezepten mit dieser Zutat geführt.
  • Das Angebot an Rezepten mit Wintergemüse ist sehr groß, was ich enorm spannend finde. Interessante Dinge mit mediterranem Gemüse kochen kennt man ja inzwischen zur Genüge. Pastinaken, Möhren, Rüben: da wird es für mich experimentell. Eintöpfe und Ofengemüse kann ich, aber darüber hinaus gibt es in diesem Buch viel zu entdecken.
  • Und das Wichtigste: Die Kombinationen sind wirklich interessant. Rote Bete mit Walnußpesto und Feta? Pastinake und Blätterteig? Johannisbeeren mit Vollkornkeksen und Ziegenkäse? Ich dachte beim Kochen, ich wüsste, was dabei geschmacklich herauskommt. Aber ich wurde überrascht, und zwar mehr als positiv überrascht.

Einziger kleiner Nachteil: die Rezepte, die ich ausprobiert habe, gestalten sich trotz der kurzen Zutatenlisten relativ zeitaufwändig, weil der Autor viel mit dem Backofen und oft mit vorgaren arbeitet. Für einfach mal so abends kurz was in die Pfanne schmeißen habe ich noch nichts getestet. Das tut meiner Begeisterung allerdings wenig Abbruch.

Und was soll ich sagen: kurz bevor ich das Buch nach der dritten Verlängerung voller Trauer in die Bücherei zurück bringen musste, schenkte Schwester 2 es mir zum Geburtstag. Läuft bei mir.

Anscheinend Stress

Ich fühle mich eigentlich nicht so, aber einige Indikatoren weisen darauf hin, dass ich viel zu tun und wenig Muße habe.

  • Ich verpasse wmdegt, das Tagebuchbloggen von Frau Brüllen.
  • Wenn ich morgens das Bett mache, freue ich mich unbändig darauf, mich abends wieder hinein zu legen.
  • Mein Blog-Reader weist von mir ungelesene Artikel auf.
  • Ich finde einfach kein Zeitfenster, um zum Friseur zu gehen.

Es scheint bisher positiver Stress zu sein, da ich mich (noch) nicht erschöpft fühle und gute Laune habe. Der hauptsächliche Grund für die stärkere Auslastung ist eine erhöhte Taktzahl bei der Arbeit und mehr Aktivität in den Ehrenämtern (gnah, wieso habe ich eigentlich zwei Ehrenämter? Wie ist das passiert? Ich erinnere mich nicht mehr), was bisher alles Spaß macht. Ich weiß allerdings auch, dass das bis zum 24. September definitiv noch mehr werden wird, und danach werde ich zumindest bei Arbeit eventuell in ein tiefes Langeweile-Loch fallen. Es gilt also, vorausschauend zu agieren und mit Kräften zu haushalten.

Vorsichtshalber werde ich jetzt schon erhöhte Terminhygiene betreiben. Zwei Abende pro Woche zu Hause sind Pflicht, viel Zeit mit D. und der Krabbe ist einzuplanen, nicht mehr als vier Abendtermine pro Monat bei der Arbeit und die Ehrenamttermine und -arbeiten muss ich eher flach halten. Auf letzteres kann ich mich intensiv nach der Bundestagswahl stürzen, wenn mein Chef sein Mandat verteidigt hat. 

Wachsam sein, ganz langsam rennen, heißt die Devise. Ich muss das Tempo vier Monate halten können.

#ichbinhier: Engagement, ganz klein

Ich bin ja inzwischen so eine Partei-Tante und finde generell, jedwedes gesellschaftliches Engagement muss in verzwickten Strukturen mit ewigen Diskussionen in trockenen Gremiensitzungen erkauft werden. Demokratie, finde ich, hat einen Preis. Das ist er: Herumschlagen mit anderen Menschen, die andere Sachen denken als ich selber, und sich mit denen irgendwie einigen. Ja, ist mühsam, aber Demokratie ist eine Staatsform, die auf Kompromissen basiert, die ständig neu verhandelt werden müssen. Bei diesen Verhandlungen möchte ich dabei sein.

Mit manchen Menschen aber möchte man sich ja gar nicht einigen oder auch nur in Verhandlung treten. Bei mir beispielsweise sind das Rassistinnen, Sexistinnen, Polemiker und Patriotinnen, also grob gesagt: rechtspopulistische Revisionisten. Ich kenne solche Leute sowieso nicht persönlich, ich kann das also gut ausblenden, solange ich mich aus Kommentarspalten fernhalte. Wenn ich dann aber die Kommentarspalten doch mal lese, wird mir immer etwas schwindelig. Hier wird von den oben genannten viel getan, um die Deutungshoheit zu erlangen, sie sind rege und laut und kommentieren fleißig und meist als Erste. Damit senken sie die Hemmschwelle, und ihre Genossen im Geiste kommentieren begeistert Zustimmung. Irgendwann konnte ich da nicht mehr ganz tatenlos zusehen.

Tatsächlich gibt es eine gute Lösung für Fälle wie mich, die sich so ein bisschen in die Diskussionen einmischen wollen, ohne so richtig doll einsteigen zu müssen. Ich bin seit einigen Wochen in der f*acebook-Gruppe #ichbinhier angemeldet. Denn hier sind sie alle. Nicht in meiner Timeline, aber durch die Gruppe finde ich die hetzerischen Kommentare und die Menschen, die gegenhalten, auch wenn sie einem von den eigenen Algorithmen nicht vorgeschlagen werden. Und, das ist auch nett: man muss noch nicht mal selber in die Tasten hauen, wenn man nicht möchte, um Flagge zu zeigen.

Wie das funktioniert? In dieser Gruppe wird auf Diskussionen verwiesen, in denen rassistische und andere -istische Meinungen vertreten werden, meist auf Nachrichtenportal-f*cebook-Auftritten. Man kann nun mit dem Hashtag #ichbinhier selbst in die Diskussion einsteigen, gegenhalten und kommentieren. Oder, das mache ich: man liked die Beiträge mit ebendiesem Hashtag und zeigt damit, dass man anderer Meinung ist als die Fremdenhasserinnen. Die meistgeliketen Kommentare werden darüber hinaus weiter oben in der Kommentarspalte angezeigt, so dass die Stimmung einer Diskussion im besten Falle verändert wird. Also gucke ich etwa einmal pro Tag in die Gruppe, gehe auf ein paar Links und like.

Das war es also schon. Ob es effektiv ist? Ich weiß es nicht. Tief in meinem Herzen zweifele ich den Sinn von Engagement an, das ich zwischendurch innerhalb von 3 Sekunden erledigen kann und bei dem es keine Tagesordnung gibt. Aber zumindest habe ich das Gefühl, etwas außerhalb meiner Filterblase getan zu haben.