Entscheidungsschwierigkeiten

Volker Kutscher, Elizabeth Strout und Jane Gardam – wer die Wahl hat…

Ich liebe ja diese Tage, an denen ich in die Bücherei gehe und überraschend so viele Bücher finde, die sowieso auf meine Liste stehen, dass ich viel schwerer bepackt das Gebäude verlasse als geplant. Das befriedigt jedesmal sehr meinen Jagdinstinkt. Und dann noch die Märzgefallenen von Volker Kutscher! \o/
Gerade ist es sowieso so, dass ich dringend Lektüre brauche. Das Rad der Zeit, eine Fantasy Reihe, die ich auf Englisch lese, liebe ich zwar wirklich sehr, aber gerade so abends vor dem Einschlafen brauche ich auch Lektüre, die ich ein wenig einfacher runter lesen kann als es bei englischen Büchern der Fall ist. Daher habe ich gerade diese etwas absurde Situation, dass ich noch 14 zu lesende Bücher im Regal stehen habe, aber dennoch nichts zu lesen da ist für bestimmte Momente.
Dieses Problem zumindest hat sich gerade erledigt. Jetzt stellt sich nur die Frage: mit welchem Buch soll ich anfangen? Volker Kutscher ist einfach direkt meine Kragenweite. Krimi, historisch, Berlin, da juckt es mir doch gleich in allen Lesesynapsen. Ich bin sehr vorfreudig. Bei Jane Gardam ist es so, dass das erste Buch der Reihe in Englisch bereits angefangen auf meinem Nachttisch liegt und ich es ganz toll finde, ich aber mit englischen Büchern einfach enorm überversorgt bin. Daher lese ich es gerade trotz seiner Großartigkeit nicht weiter. Ich zweifele etwas, ob ich den dritten Teil der Reihe genau so grossartig finden werde, wenn ich es in der deutschen Übersetzung lese. Ich brauche nunmal aber ein deutsches Buch! Es hilft alles nichts! Das könnte also riskant werden, das könnte aber auch total gut sein, alles ist möglich. Das letzte Buch im Bunde sag mir mal einfach so gar nichts, klingt in der Beschreibung etwas depressiv, ist aber zumindest von einer Pulitzer- Preisträgerin und hat eine sehr aktuelles Thema – schwere Familienbeziehungen inklusive Konflikte in einer Kleinstadt mit dem Islam. Ich habe das Buch in erster Linie mitgenommen, weil ich die Autorin interessant fand und meiner Meinung nach schon einige Rezensionen über ihre Werke gelesen habe, die ich einigermaßen spannend fand.
Wenn ich so darüber nachdenke, werde ich mir den Volker Kutscher Roman wahrscheinlich als letztes aufbewahren, nur für den Fall, dass die anderen beiden wirklich ärgerlich sind. Dann habe ich zumindest etwas, auf dass ich mich noch freuen kann. Und ich habe das Gefühl, dass das Jane Gardam-Buch tatsächlich einen größeren Wohlfühlfaktor beim Lesen haben könnte. Also werde ich wohl damit anfangen. Wohlfühlen ist bei diesem Wetter da draußen ja schon mal ein ganz guter Faktor.

Sehr gut. Es kann losgehen.

Das Leben…

… fühlt sich manchmal an wie eine schlecht sitzende Formstrumpfhose. (Aus gegebenen Anlass. Ich habe gerade nicht viel gegen mein Leben, aber gegen meine Strumpfhose.)

Solidarische Landwirtschaft

Bild: wikipedia

 

Die besten Nachbarn sind weggezogen, was mich auf mehreren Ebenen erschüttert. Die Krabbe verliert ihre Freundin über dem Flur, was für sie hart ist („Wann ziehen WIR denn dahin, wo M. jetzt wohnt?“), wir halt die besten Nachbarn und unsere Feld-Mitbesteller.

Damit ist klar: wir werden das mit dem Feld und dem Gemüseanbau nicht weiterführen. Der Weg ist einfach zu weit mit den Öffis in die Fischbeker Heide, um das zeitlich alleine zu schaffen. Das ist schade, wenn auch nicht schlimm – allerdings möchte ich eine Alternative haben, um zumindest einen Teil meines Essens regional, biologisch und weniger entfremdet als aus dem Supermarkt zu bekommen. Das hat mir beim Feld nämlich enorm gut gefallen, dieser Effekt.

Der Kollege brachte mich dann auf die Idee mit der Solidarischen Landwirtschaft. Ich hatte vor einiger Zeit schon einmal einen Artikel darüber gelesen und fand das Konzept frappierend genial: man kauft einen Anteil an einem ökologisch wirtschaftenden Hof in der Umgebung und bekommt dafür einen Anteil an dessen Produkten, die je nach Jahreszeit ganz unterschiedlich sind. Das hat den Effekt, dass der Hof immer erfolgreich wirtschaftet, ohne den Marktzwängen ausgeliefert zu sein, denn das Geld kommt von den Anteilseignern. Ist also einmal eine schlechte Ernte, muss der Hof nicht befürchten, Verluste zu machen oder Leute entlassen zu müssen. Die Anteilseigner bekommen einfach etwas weniger Kartoffeln. Auf der anderen Seite kann der Hof auch seine Erzeugnisse verteilen, die es auf dem freien Markt nicht in den Verkauf schaffen würden, weil sie optisch nicht den Vorgaben entsprechen. Gleichzeitig kennt man die Produktionsbedingungen, die Tierhaltung und die Arbeitsbedingungen der Menschen auf dem Hof genau und kann diese mitfinanzieren.

Alles in allem eine Idee, die mir ein sehr wohliges Gutmenschentum-Gefühl gibt. Ich bin wirklich begeistert von dem Konzept. Bei dem Hof, den ich mir ausgeguckt habe, gibt es ganz realistische Anteile für einen 2,5-Personen-Haushalt: neben 2-3 Kilo Gemüse wöchentlich auch Fleisch, Milch und Milchprodukte sowie Salat und Kräuter nach Jahreszeit, was ich sehr verlockend finde. Die Anteile holt man wöchentlich an einer Verteilstation oder einem Hofladen des Anbieters ab, die es über die Stadt verteilt gibt. Da scheint sich mir eine echte Chance zu bieten, neben biologischem Gemüse auch auf wertige Tierprodukte umzusteigen, was ich zusätzlich sehr reizvoll finde.

Nachteile gibt es natürlich auch: die Ausgabestellen für die Anteile sind alle nördlich der Elbe, ich wohne südlich. D. hat sehr klar gemacht, dass er sich nicht an der Abholung beteiligen wird – da er den Wochenendeinkauf übernimmt, ist das allerdings auch nur gerecht. Also ist die Abholung mein Ding. Zumindest gibt es einen entsprechenden Laden, der in der Nähe meiner Arbeitsstelle und gleichzeitig in der Nähe der S-Bahn-Linie liegt, die mich nach Hause bringt. Mit einem Trolley sollte das machbar sein – zumindest an Tagen, an denen ich die Krabbe nicht auch noch von der Kita abholen muss. Und 180 Euro im Monat sind auch nicht gerade wenig, die so ein Anteil kostet.

Aber der Hof ist ja nicht von gestern: sie bieten eine zweiwöchige Probemitgliedschaft an. Das werde ich ab nächster Woche ausprobieren. Ich denke mir nämlich, jetzt gerade sind es die härtesten Bedingungen, die man haben kann: kalt draußen, das einkaufen wird wenig Freude machen, und es wird größtenteils Kohl und Mohrrüben und Kartoffeln zur Verfügung stehen. So stelle ich es mir zumindest vor. Wenn ich danach trotz dieser fiesen Ausgangslage von der Idee immer noch überzeugt bin, wird der Rest des Jahres einfach immer noch besser werden.

Ich bin sehr gespannt.

Ein vorbildlicher Ausflug auf die Rickmer Rickmers mit Kleinkind

Die Krabbe interessiert sich unter anderem für Prinzessinnen und Burgen und Ritter und Piraten und Gespenster. Die meisten Dinge können wir hier in Hamburg nicht für sie vorhalten, aber immerhin: ein Segelschiff haben wir. Die Rickmer Rickmers, ein Dreimaster und etwa 200 Jahre alter Frachter, der zum Museumsschiff umfunktioniert worden ist. Mannschaftsquartiere, Offiziersquartiere, Frachtraum und die gesamte Infrastruktur inklusive Takelage, Kombüse, Arztzimmer etcetera pp ist erhalten worden, um der breiten Öffentlichkeit die Geschichte der Seefahrt in Hamburg näher zu bringen. Ich war dort bereits zu Veranstaltungen mit meinem Chef und fand es wirklich interessant, ich alte Historie-Tante. Und wie das so ist: für das Kind kann man sich ja kaum schönere Interessen vorstellen als die eigenen. Also auf!, dachte ich, auf! zur Rickmer Rickmers mit dem Kind!

Nun ist das Kind 3,75 Jahre alt. Ganz unbeleckt wollte ich sie nicht mit einem Museumsschiff konfrontieren – nicht, dass sie am Ende überfordert ist, und das war es dann mit den schönen gemeinsamen Interessen. Also besorgte ich im Vorfeld ein Buch über Traditionssegler und blätterte es mit der Krabbe durch. Ich fühlte mich extrem pädagogisch, was eine nette Abwechslung ist, weil ich mich sonst im Zweifel eher vermeidend fühle. Laternenumzug, Kita-Basteln, Spielplatz-Besuche, all das mache ich nur, wenn sich sonst niemand findet, und dann auch nur mäßig motiviert. Hier war ich aber motiviert. Ich bin ja mehr so die Rede-und-Vorles- und Bücherhallen-und-Spaziergeh-Mama, meine Lieblings-Rollenspiel ist „Kranke Patientin, die viel ruhig liegen muss“ oder „krankes Pferd, das im Stall bleiben muss“.

Das hier war neu. Ich wollte das. Und auch die Krabbe war angetan, das Buch wurde ein neues Lieblingsbuch und sehr oft hervorgeholt. Ich wähnte uns gut vorbereitet, als wir uns endlich zum Hafen und auf die Rickmer Rickmers begaben. Und tatsächlich ging mein Plan auf: die Krabbe war begeistert. Sie kannte alles auf dem Schiff aus dem Buch, erkannte es wieder und freute sich einen Keks darüber. Etwa anderthalb Stunden verbrachten wir auf dem Segler, und es war sehr schwierig das Kind wieder herunter zu bekommen. Ich selber fand es auch toll. Das Schiff ist extrem gut erhalten, liebevoll gepflegt und ich verspürte sogar leichtes Fern-Prickeln, wenn ich mir vorstellte, dass dieses Schiff eine der wenigen Verbindungen in die weite Welt war, die es früher in Hamburg gab.
Ich bin entzückt. Das erste gemeinsame Hobby ist gefunden! Und ich weiß jetzt, wie ich einen Ausflug mit dem Kind angehen kann, so dass auch wirklich alle etwas davon haben, wenn es mal etwas weiter als zum Spielplatz gehen soll.

Alleine mit Kind zu Haus – wie man überlebt

Wenn D. weg oder krank ist, der Papa ebenso und ich alleine für die Krabbe und meine Arbeit zuständig, komme ich schnell an meine Grenzen. Alles alleine erledigen, abends das Haus nicht verlassen können, wenig soziale Kontakte… schwierig für mich. Diese Situation passiert nicht oft, aber es passiert  – andere Menschen haben das sogar als Alltag, manche sogar freiwillig, die müssen wirklich hart wie Kruppstahl sein. Allerdings haben die sicher auch schon etablierte Routinen und brauchen keine Überlebens-Tipps, vor allem nicht solche, die auf einen vorübergehenden Zustand abzielen. Ich schon.

Beim letzten Mal war ich einigermaßen zufrieden, wie das über ein paar Tage inklusive Wochenende geklappt hat, ohne dass ich hinterher ein Nervenbündel war. Hier meine Taktik.

  • Nicht einkaufen gehen. Einkäufe liefern lassen. Ist nicht sooo billig, aber auch nicht sooo teuer, und gerade als Großstädterin ohne Auto ist es ganz schön, sich einen 12er Pack Milch an die Wohnungstür tragen zu lassen. Und sechs Dosen Tomaten. Und wenn man gerade dabei ist, fallen einem bestimmt noch andere schwere Dinge ein, für die man sonst keinen Platz mehr im Rucksack oder Fahrradkorb hat.
  • Für mehrere Tage kochen. Die gerade angelieferten sechs Dosen Tomaten werden in einen großen Topf Tomatensoße verarbeitet, aus dem wird dann drei Tage gegessen. Gern genommen sind außerdem Chili, Suppen und Aufläufe.
  • Wenn man das Zeug gar nicht mehr sehen kann: ab zum Imbiss. Das sind gut investierte vier Euro. Lieferservice ist eventuell noch besser, aber manchmal ist es ja auch schön, mal rauszukommen.
  • Haushalt, vor allem Aufräumen, an Arbeitstagen auf 15 Minuten beschränken, und zwar konzentriert. Kind im Bett, 15 Minuten rödeln, das reicht meistens für das Dollste (zumindest wenn der Mann nicht da oder krankheitsbedingt außerstande ist, Unordnung zu machen, und vor allem: wenn man nicht jeden Tag kocht. Das macht einen Dreck, dieses Kochen!), und der Rest des Feierabends sieht die Wohnung okay aus, was ja ganz gut tut. Konsequent auf das zwischendurch aufräumen tagsüber verzichten, das bringt ja mal absolut gar nix und macht eine nur fertig.
  • Am Wochenende habe ich Wäsche, putzen etc an einer festen Stunde am Anfang des Tages durchgezogen, wenn alle noch fit und nicht nörgelig sind und der Rest des Tages verheißungsvoll vor einem liegt.
  • Schamlos das Kind bei Kita-Freundinnen den Nachmittag verbringen lassen. Gut, da hatte ich vorgesorgt: ich lade ja gerne Kita-Freundinnen des Kindes nachmittags ein, erstens muss ich das Kind dann nicht bespielen, zweitens habe ich dann einen Nachmittag gut bei den anderen Kita-Eltern.
  • Bei schrecklichem Wohungskoller: Abends Freunde einladen (zum Filme gucken natürlich, zu anderen Sachen ist man zu fertig) oder Video-Sport machen (zehn Minuten Stretching zählen auch als Sport).
  • Sich Mittags bei der Arbeit außerhalb zum Essen verabreden. Mit Freunden. Das tut gut, wenn die sozialen Kontakte abends nicht möglich sind.
  • Abends zu Hause – nach den 15 Minuten aufräumen – Sachen machen, zu denen man sonst nicht kommt, die aber enorm verlockend sind: eine schöne Serie anfangen oder weiterschauen, das neue Buch anfangen, einen Abend in der Badewanne rumlümmeln, Eltern anrufen.
  • Extrem großzügig Zeit einplanen bei aufstehen, fertig machen, bringen, abholen, ins Bett bringen. Das bringt tolle Erfolgserlebnisse, wenn man alles rechtzeitig schafft, und die Laune ist deutlich besser. 15 Minuten früher aufstehen haben bei mir wahre Wunder bewirkt. Wenn durch einen trödeligen Kita-Rückweg die Zeit zum Kochen fehlt: is mir egal. Pommes, Imbiss, der große Topf, es gibt so viele Möglichkeiten.
  • Wenig Termine machen. Gaaanz wenig. Höchstens einen Tag vorher nach eingehender Prüfung des Gemütszustandes: bringt es mir mehr Freude als Stress? Will ich nicht viel lieber die Serie schauen oder in der Badewanne herumlümmeln?

Das sind nur ein paar Kleinigkeiten, die immerhin mir sehr geholfen haben. Ergänzungen für das nächste Mal nehme ich gerne entgegen!

 

Bagger-Erkenntnisse

Ich gehöre ja zu den Frauen, die enorm wenig aus dem Handgelenk angebaggert werden. Dass mich ein Mann anspricht, einfach so, weil er mich attraktiv findet, passiert so gut wie nie. Woran auch immer das liegen mag – naheliegend: wenn ich neutral gucke, schaue ich anscheinend „böse“, ich bin wirklich keine klassische Schönheit, so richtig auf den Manne wartend scheint nicht in meiner Ausstrahlung zu liegen, und ich bin auch einfach unaufmerksam und würde eventuelle Bagger-Anfänge gar nicht weiter bemerken, was dann gegebenenfalls Männer ihre Versuche auch abbrechen lassen könnte -, ich finde es nicht schlimm. Ich bin eh lieber selbst aktiv, damit fahre ich bisher enorm gut in meinem Leben. Ich habe auch noch nie bemerkt, dass Männer davon irgendwie abgeschreckt werden würden, weil ich ihnen so das „Jagen“ wegnehme. Das mag an meinem hervorragenden Männergeschmack liegen oder auch an meiner hervorragenden Flirttechnik. Ich meine, ich geh ja nicht auf die Kerle zu und sage: „Hey, du hast aber schöne Augen!“, sondern ich nutze eine Gelegenheit, wenn sie sich ergibt, und frage Sachen wie „Weißt du, wie diese Boulderstrecke geht?“ oder fange ein ähnliches normales Gespräch an. Mit „Und wie heißt du?“ hat auch schon eine meiner Beziehungen begonnen. Am liebsten aber rekrutiere ich Männer im Freundes- und Kollegen-Kreis, das ist am elegantesten, und meist brauche ich eh ein bisschen Vorlauf, bevor ich jemanden wirklich interessant finde.

Mit diesem Erfahrungshintergrund war ich fast ein wenig erschrocken, als mich jüngst ein junger Mann in der U-Bahn angrub und mit mir Kaffee trinken gehen wollte. Sein Einstieg war nicht schlecht, es war alles in Allem angenehm, auch wenn er darüber diskutieren wollte, dass ich mit Beziehung über ein solches Angebot nicht weiter nachdenken würde. Besonders merkwürdig an diesem eh schon denkwürdigen Erlebnis: ich war kränklich, ungeschminkt, hatte Schlabberklamotten an und fühlte mich insgesamt etwa so attraktiv wie lauwarmes Spülwasser.

Im Büro erzählte ich von meiner Befremdung. Die Kollegin dazu: „Nee, das ist ganz normal, das ist immer so.“ Gespannt wartete ich auf die romantische Herleitung. Vorstellbar für diese Analyse waren für mich Gründe wie: kranke Frauen lösen den Beschützerinstinkt aus, oder ich speziell sehe einfach mit Augenrändern besonders hot aus, oder in dieser U-Bahn-Linie treibt dieser eine Irre sein Unwesen, der alle Frauen anspricht. Aber nein, klärte mich die Kollegin auf: „Sie spüren dann deine Schwäche.“

Ha! Ich mag mein Büro.

Wechselmodell – Zwischenfazit und Erfahrungen

Nach etwa 3 Jahren im Wechselmodell ist es mir ein Bedürfnis, ein Zwischenfazit zu ziehen.

Seit drei Jahren üben wir nun mit der Krabbe, knapp vier Jahre alt, das Wechselmodell aus. Einschätzungen, dass das mit so kleinen Kindern nicht gut ginge, kann ich nicht teilen. Allerdings ist die Krabbe auch ein relativ selbstbewusstes, unkompliziertes und aufgeschlossenes Kind. In der Kita wird sie ebenso eingeschätzt, weswegen ich meinem Gefühl da traue. Nach der Trennung war dem Papa und mir klar, dass wir das Wechselmodell wollen. Ich glaube, wir haben das nicht einmal besprochen, es ging nur darum, wer welche Tage nimmt.

Sowohl der Papa als auch ich leben inzwischen wieder in festen Beziehungen, in jeweils gemeinsamen Wohnungen, die etwa 4 Kilometer voneinander entfernt sind. Die Krabbe geht in Wohnungsnähe des Papas zur Kita. Montags bis Mittwochs wohnt sie beim Papa, Mittwochs bis Freitags bei mir und an den Wochenende wechseln wir uns ab. Oft geht der Papa auf Surftrips, dann regeln wir es irgendwie anders. Meine einigermaßen flexiblen Arbeitszeiten in einer 30-Stunden-Stelle sind dann von großem Vorteil. Mein Freund übernimmt dabei sehr viel Verantwortung, er hat feste Hol- und Bringdienste und macht gerne auch Dinge mit der Krabbe ohne mich. Er kommt auch ohne mich hervorragend mit allem zu Hause zurecht. (Ich habe gerade auf facebook gesehen, dass das anscheinend nicht selbstverständlich ist.) Alles funktioniert ganz gut. Generell kommen der Papa und ich zwar nicht besonders gut miteinander aus, aber so lange wir die Kommunikation per Mail erledigen und Übergaben nur über die Kita stattfinden, gibt es weniger Probleme. Seit Neuestem machen der Papa und ich auch mal gemeinsam mit der Krabbe etwas, kleine Unternehmungen wie Spielplatz oder Kletterhalle. Zwei Stunden alle drei Wochen schaffen wir es, relativ einträchtig zu sein.

Bei dem Papa ist neuer Nachwuchs unterwegs, und er ist gerade in einer Bewerbungsphase. Hier wird sich in nächster Zeit viel ändern, und ich hasse Veränderungen. Das bleibt also spannend; ich habe die Befürchtung, dass das Wechselmodell dann nicht mehr praktikabel ist, wenn der Papa noch weiter weg als die oben erwähnten 4 Kilometer zieht. Und ich möchte es weiter praktizieren, denn: Generell kann ich das Wechselmodell sehr empfehlen. Ich habe vergleichsweise viel Zeit für mich oder die Arbeit, mein Kind wächst mit 2-4 sich kümmernden Erwachsenen auf und ich bin im Prinzip das komplette Gegenteil von alleinerziehend. Natürlich ist der Organisations- und Besprechungs-Aufwand höher, aber dafür trage ich die Verantwortung nicht alleine und die Krabbe hat eine ausgeglichene und entspannte Mutter. Ich bin zufrieden. Geteilte Elternschaft ist mein Ding, an alleiniger Elternschaft würde ich einfach kaputt gehen.

Und es gibt auch in meinem Umfeld Entwicklungen zu dem Thema: Schwester 2, auch im Wechselmodell lebend, zieht mit Freund und Kind zusammen. Der Schwager in spe bespricht sich bei Familientreffen oft mit meinem Freund, sie tauschen sich aus. Männer-Netzwerke! Das finde ich immer noch großartig, weil nicht selbstverständlich im Familienarbeits-Kontext. Und in der Kita können auf einmal auch getrennt lebende Eltern einen gemeinsamen Kita-Gutschein beantragen. Fortschritt!

Allerdings glaube ich an den auch erst so richtig, wenn beide Eltern die Kosten von der Steuer absetzen können. Das muss ich noch herausfinden.